Die Qual der Wahl…

Seit Wochen und Tagen verfolge ich nun unterschiedliche Debatten zur bevorstehenden Bundestagswahl am Sonntag. Unterschiedliche Positionen hierzu von unterschiedlich positionierten Personen. Das erste Mal seit dem ich in Deutschland wahlberechtigt bin bin ich froh darüber, dass ich damals die türkische Staatsbürgerschaft aufgab, um die deutsche anzunehmen. Das ist natürlich ein anderes Problem, das eigentlich auch nur eine der vielen Erben rassistischer Verstrickungen deutscher Staatsbürgerschaftsrechte widerspiegelt. Ich bekam nicht bei Geburt den deutschen Pass, ich durfte keine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen.

Stattdessen musste ich versichern, dass ich keiner terroristischen Organisation angehöre, keine terroristischen Ziele verfolge und das Grundgesetz anerkenne. Dinge, mit denen Rechtsradikale niemals konfrontiert werden. Via ´Herkunft´, die bei Geburt wie eine Erbsünde an einem zu haften scheint, stehe ich also unter Verdacht eine potentielle Gefahr oder zumindest Unruhe für das Grundgesetz darzustellen. Absurd, wenn ich an all die rechtsradikalen Pogrome seit dem Mauerfall denke und daran, wie sich jedesmal erneut eine Welle der Überraschung breit macht. Jede dieser Überraschungswellen ist eine Beleidigung an die vielen Leben, die aufgrund rechter Hetze und Attentate ein Ende fanden. Historisch gewachsene Kontinutitäten zu Einzelfällen und ´Krisen´ zu erklären leistet weder einen Beitrag zur Aufarbeitung noch können so Wiederholungen verhindert werden.

Überraschung! Diese Attentate waren für migrantisierte Communities genauso wenig überraschend wie der NSU Komplex, Sarrazin, Oury Jalloh, die flüchtenden Menschen die an Europas Grenzen ermordet (anders lässt sich die Perversion nicht beschreiben), oder in Flüchtlingsunterkünften misshandelt und ihrer Menschenwürde beraubt werden. Über die AfD wundere ich mich am wenigsten.

Während ich also Geld bezahlen, und ganz viele unterschiedliche bürokratische Hürden überwinden musste um in dem Land in dem ich geboren wurde wählen zu dürfen, gibt es noch zu viele Menschen in unserer Gesellschaft, die genau dieses Privileg nicht genießen. So wie Eric Otieno, der genau diese paradoxen Zustände in einem kleinen Beitrag aufgreift.

Worüber ich mich jedoch komischerweise immer wieder wundere ist, auf was für unterschiedlichen Wegen die AfD immer wieder verharmlost wird. Oder aber die Umgangsanweisungen, die ich immer mal wieder hier und da lesen muss.

Zuhören, keinen Raum für die Opferrolle bieten, in den Dialog treten. Eh-ehhh! Es handelt sich hier nicht um Jugendliche auf der schiefen Bahn, sondern um erwachsene Menschen mit ganz klaren rechten, rassistischen Weltanschauungen , dem entsprechenden Wahlprogramm und den dazugehörigen Kandidat*innen. Nein, keine sogenannten ´bildungsfernen Schichten´, die einfach nur nicht gebildet genug sind um nicht rassistisch zu sein. Soviel wieder zum ´nach unten treten´. Rassismus hatte noch nie etwas mit Bildung zu tun. Wir haben es hier mit Anwälten und Ingenieuren zu tun. Sofort muss ich an den offenen Brief der Heidelberger Professoren denken, die damals eine ganz klar rassistische Hetze gegen Gastarbeiter verfassten.

Oder an die vielen rassistischen Dozent*innen die meine Freund*innen und ich schon im Laufe unseres Studiums ertragen mussten. Ich hatte eigentlich gehofft, dass sich die Illusion von Rassismus als Ost- und Unterschichtenproblem in unseren Generationen spätestens nach Sarrazin in Luft aufgelöst hätte. Doch wir sind vergesslich. Wir vergessen und diese Vergesslichkeit hat zu folge, dass wir immer wieder das Rad neu erfinden wollen. Das wir die Kämpfe und Widerstände unzähliger Menschen vor unserer Generation aus dem Auge verlieren.

Häufig ist der Rassismus und Nazismus von AfDlern gepaart mit Frauen- und LGBTIQfeindlichkeit. Und dennoch gibt es Frauen*, die über die Frauenfeindlichkeit dieser Partei hinwegsehen, Hauptsache, “Heimat verteidigen”. Genauso wie es Angehörige der LGBTIQ Communities gibt, die übere die Homo- und Transfeindlichkeit dieser Partei hinwegsehen. Hauptsache die Homo- und Transfeindlichkeit bleibt in der eigenen nationalen Gemeinschaft, ne. Der importierte Stoff, das ist der gefährliche.

Am schwersten liegen mir jedoch die Token PoC, Migranten, Posh Kanaken, die Vorzeige-Integrationist*innen im Magen,  die es dann tatsächlich schaffen die rassistischen Erklärungsmuster so sehr zu verinnerlichen, dass sie immer weiter nach ´unten´ treten. Sie selbst sind dann die ah so super angepassten Migranten, die sich das ja alles erarbeitet haben und jetzt Gefahr drohen wegen den Geflüchteten in einem schlechten Licht zu stehen. Sie hinterfragen nicht den Rassismus der hier in Erscheinung tritt, sondern übernehmen ihn. Sie reden sich ein, Rassismus habe etwas mit den Menschen tun die Rassismus erfahren und nicht mit jenen, die ihn ausüben, reproduzieren, ausblenden.

Diese verkürzte Perspektive endet dann unweigerlich in absolut idiotischen Debatten und Analysen, in denen das ´Andersein´ der flüchtenden Menschen für den Rassismus verantwortlich gemacht wird, den diese Menschen erfahren. In denen die Entstehung und der Erfolg der AfD auf diese Menschen bezogen wird. Selten habe ich eine perversere Verdrehung von Ursache-Wirkung mitbekommen.

Die AfD steht in Tradition einer Gesellschaft mit kolonialer Vergangenheit und NS-Vergangenheit. Diese Dinge sind nicht miteinander zu vergleichen, stehen aber in Beziehung zueinander.

 

Die Qual nach der Wahl

Vor einigen Tagen scrollte ich durch meine Instagram Galerie und musste feststellen, dass ich vor etwa 1,5 Jahren in einem Beitrag meine Rede für eine AfD-Gegendemo thematisierte. Seit mindestens 1,5 Jahren reden und kämpfen wir also gegen diese Partei an. M I N D E S T E N S deshalb, weil wir nicht jeden unserer Widerstände online dokumentieren.

Eine Zeit lang lies ich mich von einer ´Anti-Anti-Haltung´ einlullen. Wir sollen doch nicht immer gegen etwas sein, sondern für. So ließen sich Menschen besser mobilisieren. Well…. die AfD hat bisher super gegen Muslime, Geflüchtete und ´den Islam´ mobilisiert. Ist ja nicht so, dass War on Terror sowie Integrations- und Kopftuchdebatten nicht vorher schon die Lieblingswahlkampf-Themen anderer größerer Parteien waren. Alle Wahlen wieder.

Aber gerade weil ich nicht vergessen habe, was für ein rassistischer Mist in den letzten 10,15 Jahren aus unterschiedlichsten Parteien schon kam und was die Resultate dieser Inhalte und Gesetze waren, und was sie unsere Communities gekostet haben, werde ich nicht den Fehler begehen anzunehmen, dass die AfD keinen großen Unterschied machen wird.

Es gibt zwei Dinge die für mich klar sind:

  1. eine Partei die Rassismus und Nazi-Ideologie zu ihrem Steckenpferd gemacht hat wird den parlamentarischen Rassismus auf eine andere Spitze treiben. Auf rechtlicher Ebene werden dem Rassismus Wege geebnet, die uns in unseren anti-rassistischen Kämpfen um einiges zurück werfen und so einiges an Menschen kosten könnten. Am aller stärksten und kurzfristigsten werden das Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis spüren. Langfristig werden auch die Token Kanaks nicht so heil davonkommen.
  2. Falls sich die Mobilisierungsbemühungen der letzten Wochen von ganz vielen unterschiedlichen Menschen auszahlen sollten, und die AfD de 5% Hürde nicht schafft (I still hope and pray and mobilise for that one), werden wir wie gewohnt mit dem Nachbeben dieser gesamtgesellschaftlichen Verdreckung umgehen, weiterkämpfen – auch gegen den rassistischen Mist der Parteien die gerade besonders migrantenfreundlich machen- .

In beiden Fällen werden wir uns noch besser organisieren. Intersektionell, communityübergreifend, und gerne auch ein wenig radikaler in unserer Anti-Haltung. Die lauchigen Stimmen aus den Communities überhörend, die uns immer noch erklären wollen, dass Rassismus halb so schlimm bis gar nicht existent sei. Und wenn, dann doch ausschließlich in Sachsen und co.

Verblümt und weicht euren Aktivismus nicht ab, damit ihn auch Menschen gut finden, die die AfD doof finden, aber den subtilen, bürgerlichen Rassismus aus anderen Kontexten ignorieren und schlimmstenfalls eine Parteipolitik feiern, bei der sie sich weniger Nazi-like fühlen jedoch paternalistische und stigmatisierende Rhetoriken und Maßnahmen unterstützen.

Von einer gesunden Anti-Haltung gegen Rassist*innen und Nazis wird unsere Gesellschaft bestimmt nicht schlimmer.

In diesem Sinne gehe ich wählen, weil die Anti-Haltung auf die ich keine Lust habe die Anti-Wahl Haltung ist. Eine Enthaltung wird nur die aktuell stärksten Partien unterstützen, womit ich mich so gar nicht anfreunden kann. Ich möchte, dass ihr wählen geht, weil ganz viele AfDler auch genug Gründe finden um wählen zu gehen.

Ich weiß nicht, ob wir eine AfD im Bundestag abwenden können, aber ich weiß dass das keine Ausrede dafür sein sollte, es nicht zu versuchen. Das macht mich aber zu keinem Fan davon die anderen größeren Parteien zu wählen, die meine Stimme eben doch nur als Support verbuchen, und mit allem was ich verkehrt finde vermutlich weiter machen werden.

 

Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft weniger vergesslich sind. Dass wir um eine kritische Masse wachsen, die bereits die weniger populistischen Rassismen in gesellschaftlichen Diskursen und Gesetzesdebatten erkennt. Dass nicht eine ganze Generation daran kaputt geht gegen Wände anzureden bis die nächste Welle der überraschten Empörung über brennende Asylunterkünfte, Wohnhäuser und Moscheen losbricht.

Vor allem möchte ich meine Anerkennung und Liebe für die Menschen äußern, die das bereits seit Jahren tun. Ganz speziell den ganzen PoC, die auch mit dem Rassismus in linken Kreisen umgehen müssen. Jenen, die am Existenzminimum leben und ihre Familien ernähen müssen. Jenen, die neben Rassismus noch gegen Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit, Armut, ankämpfen. Jenen, die mit Behinderungen und chronischen Krankheiten und Traumata leben. Jenen, die andere empowern, sowie jenen, die selbst Empowerment benötigen. Wir sind hier.  Und wir werden uns in unseren Kämpfen für Würde und Gerechtigkeit nicht mit Trostpflastern und dem geringeren Übel begnügen.

Geht wählen, mobilisiert andere zum wählen, und organisiert euch nach den Wahlen erst recht! Wenn ihr noch unentschlossen seid wen ihr wählen sollt: checkt unterschiedliche Wahlprüfsteine aus. Guckt euch die Wahlprogramme zum Thema innere Sicherheit (da versteckt sich zwischen den Zeilen sehr gerne antimuslimischer Rassismus, während rechter Terror unerwähnt bleibt), Asylpolitik, Bildungspolitik und Außenpolitik an. Und wirft die Parteien gegen die Wand, die weiterhin an einer Politik in light-Version festhalten, die den Rassismus weiterhin belebt.

Yours, Emine.

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