Don’t be just another brick in the wall

Don’t be just another brick in the wall 

In einem Workshop der Neuen Deutschen Organisationen in Berlin, es müsste letztes oder vorletztes Jahr gewesen sein, referierte unter anderem Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani.

Er sprach unter anderem davon wie Integration in der Politik definiert werde und brachte einen äußerst interessanten Punkt ein, der eigentlich sehr bezeichnend für die Arbeit vieler muslimischer, Schwarzer und of Color Aktivist*innen ist, aber komischerweise durch Begrifflichkeiten wie ‘Opferrolle’ in ein absolut bescheuertes und verdrehtes Bild gerückt wird.

Mal abgesehen davon, dass dieser Begriff vor allem im Bullshit-Bingo von AfD, Pegida und sonstigen Neo-Konservativen verwendet wird wann immer von Rassismus betroffene Menschen ihren Mund zu diesem Thema auf machen, um auf gesellschaftliche und politische Misstände aufmerksam zu machen, wird er auch oft immer wieder von Menschen bedient, die eigentlich selbst von Rassismus betroffen sind.

Braucht uns aber gar nicht zu wundern. Wirklich nicht.

Wenn ich in der Literatur von Menschen wie James Baldwin, Audre Lorde, bell hooks, Toni Morrison, Paul Gilroy, Stuart Hall, Sara Ahmed, Edward Said, Frantz Fanon, uvm. stöbere, werde ich oft von unterschiedlichen Gefühlen begleitet. Ihr kennt das sicherlich. Je nachdem was sich gerade in eurem Leben, in eurem näheren Umfeld etc. abspielt können ein und die selben Texte ganz unterschiedlich zu euch sprechen (wir machen hier jetzt aber keinen Exkurs in die Hermeneutik, keine Panik).

Eines der ‘Gefühle’ oder inneren Atmosphären, die sich dann oft inspiriert durch Texte zu konkreteren Gedanken entwickeln ist, dass es eben bezeichnend, sogar charakteristisch für unterdrückerische Systeme wie Rassismus und Sexismus ist, dass sie von Betroffenen internalisiert werden.

Es gibt viele Beispiele in ganz unterschiedlichen Ländern, Gesellschaften und Communities, die von ganz unterschiedlichen Autor*innen aufgegriffen werden. Beispiele die einem deutlich machen, dass sich von Rassismus betroffene Individuen unterschiedlicher Strategien annehmen, weil sie sich erhoffen dadurch näher an dem Stück Kuchen dran zu sein. Das passiert vor allem deshalb, weil diese Versprechungen auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene genährt werden.

Abgekürzt: Integrations- (Assimilations-)debatten, Diversity-Strategien und ganz viel Gerede von Chancengleichheit.

Als Systeme, die unser Denken, Fühlen und Handeln strukturieren, in Institutionen fortwirken etc. (das ist sehr kurz heruntergebrochen, weil sprengt Rahmen & so) leben sie davon, dass sie in der Gesellschaft von Individuen als unausgesprochene Normen verinnerlicht werden. Genau das unterscheidet Macht doch von Gewalt (wer jetzt dagegen ranten will: again auch hier : begrenzter Rahmen digga. Dazu Literatur von oder zu Foucault und Gramsci anlesen. Can’t do your job for you. I mean I can. But I won’t.).

Mit dem Begriff ‘Opferrolle’ wird ein systemisches Problem aber schlichtweg Individualisiert. Wenn ich an ‘Opferrolle’ und die damit verbundene Konnotation denke, dann habe ich Leute vor Augen die sich absolut selbstverschuldet in einer doofen Lage befinden und die Schuld aber ausschließlich bei anderen suchen. Und sorry to break it down to you: das ist so absolut das Gegenteil von jenen Menschen, denen ständig die ‘Opferrolle’ aufgedrückt wird.

Rassismus ist ein an Machtstrukturen geknüpftes gesellschaftliches Phänomen das sich auf vielen unterschiedlichen Ebenen auf unser gesellschaftliches Miteinander auswirkt. Es ist also 1. nicht selbstverschuldet (und wird nicht weniger real, weil wir es nicht thematisieren) und 2. ist die Thematisierung und Analyse von gesellschaftlichen Realitäten und somit die Produktion eines Diskurses schon ein weitaus aktiver Vorgang.

Wenn ich an die Menschen denke, denen dieser Begriff ständig um die Ohren gehauen wird sehe ich Individuen, die gesellschaftliche Probleme analysieren, sie mutig und voller Ausdauer ansprechen, aufzeigen und dagegen anarbeiten.

‘Opferrolle’ wird somit zu einem Instrument des Silencing genau dieser Leute. Ich blende hier nicht aus, dass es auch Personen gibt, die ausschließlich selbstzentrierte Identitätspolitiken betreiben, ohne andere Betroffene, Communities, und globale Kontinuitäten mitzudenken. Aber das sind nicht jene Menschen, deren Arbeit ständig aus unterschiedlichen Seiten angegriffen und stigmatisiert wird.

 

Talking about Victimization is not ‘self victimization’

Aber kommen wir zurück zum Workshop von El-Mafaalani und dem bereits angedeuteten interessanten Punkt.

Prof. Dr. El-Mafaalani sprach (in meinen eigenen Worten ausgedrückt) davon, dass je besser integriert Menschen mit ‘Migrationshintergrund’, rassifizierte Menschen etc. sind, desto höhere Erwartungen haben sie an ihre gesellschaftliche Partizipation in der Gesellschaft. Leuchtet ja auch ein oder? Gerade weil sich Menschen als so selbstverständlichen Teil einer Gesellschaft sehen, stören sie sich an den Diskrepanzen der reellen gesellschaftlichen Position die ihnen zugeschrieben wird.

Das bedeutet ebenso, dass es vor allem die späteren Generationen sind, die sich in einem anderen, selbstverständlicheren Verhältnis zur Gesellschaft sehen als ihre (Groß)Eltern.

Über Rassismus reden bedeutet für mich also absolut nicht mich ohnmächtig hinzusetzen, sondern zu mobilisieren, mich zu organisieren, und Misstände zu adressieren. Mir Strategien und Instrumente zur Veränderung dieser Missstände anzueignen.

Achtung: Es kann nicht zur Norm gemacht werden, das Betroffene sich ständig gegen Rassismus einsetzen müssen und nur dann darüber reden dürfen. That’s not what I am saying here.

Es ist ein Intervenieren, ein Mitmischen in der Gesellschaft.

Darüber reden bedeutet für mich auch jenen die rassistische Gewalt erfahren (haben) vor Augen zu führen, dass Gesellschaft so nicht existieren muss. Dass das verändert werden kann und sollte.

Mit Hinblick auf die letzten Jahre und die aktuellen Entwicklungen in Europa und Deutschland wirkt das Negieren und Verharmlosen von Rassismus unfassbar ignorant und selbstzerstörerisch auf mich. Man müsste meinen, auch die Letzten müssten nun ein paar Dinge verstanden haben.

Es muss nicht jeden Tag eine Hijabi in Deutschland angegriffen werden. Es muss nicht jeden Tag eine Schwarze Person, eine geflüchtete Person körperlich oder verbal angegriffen werden, damit Rassismus ein Thema sein kann. Diese Diskurse und Gewalteinwirkungen gibt es seit Jahren. Dieses Jahr allein wurden viele solcher Fälle gemeldet. Already forgetting huh?

Und das Sprechen über diese Fälle befördert mich nicht (wie einige es immer annehmen) in eine Position der ‘Selbstausgrenzung’ aus der Gesellschaft. Ich existiere. Ich bin hier, ich bin laut, ich mache mein Ding.

“Early in life I had learned that If you want something, you had better make some noise.” Malcolm X.

Es war vor allem Mely Kiyak’s Auftritt bei der Sendung “Die Anstalt”, die mich an den Workshop von El-Mafaalani erinnerte.

Kiyak erinnert uns hier an die Boston Tea Party. An den Slogan “No Taxation without Representation“.  An die doppelten Standards, die Lebensrealtität für Geflüchtete, Migrant*innen und People of Color in Deutschland sind.

“In Deutschland leben seit über einem Jahrhundert Inländer, die als Ausländer behandelt werden. Sie haben dieses Land mit aufgebaut. Es zu ihrem, und Ihrem Land gemacht. Würde man über Migranten, Türken und Muslime genauso verhandeln wenn sie mitwählen dürften? Ich glaube nicht. Stattdessen würden politische Kommunikationsagenturen für viel Geld beauftragt werden, diese Gruppe gezielt, sensibel und mit allen Regeln der Einseiferei anzusprechen. Man würde mit Steuererleichterungen und Staatsangehörigkeitsofferten nur so um sich werfen. Wie würden Bundestagswahlen ausgehen, wenn es auf einen Schlag Millionen zusätzlicher Stimmen gebe?

Mit allen Regeln der Kunst, mit rechtlichen, finanziellen, sprachtestlichen Hürden und nicht zuletzt mit entwürdigenden und verunglimpfenden Debatten hat man es geschafft Millionen Menschen an der Einbürgerung zu hindern. Was ist mit ihren Ängsten? Wen können die aus Protest wählen?

Millionen Russlanddeutsche haben ohne Eignungstest den deutschen Pass bekommen. Millionen Migranten aus der Türkei bekamen Roland Kochs Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft und also gegen das Wahlrecht. Millionen Ostdeutsche bekamen nach dem Fall der Mauer ohne Sprachtests und Demokratieprüfung das Wahlrecht. Millionen Immigranten und ihre Kinder erhielten nach dem Fall der Mauer Solingen, Mölln, Rostock, Hoyerswerda, Sarrazin, NSU, Pegida, die AfD. Wie viele Talkshows hat es über diese kolossal große Gruppe ohne Wahlrecht gegeben?  Vor 250 Jahren warfen amerikanische Hafenarbeiter als Akt des Widerstandes Tee in den Hafen von Boston. Sie riefen “no taxation without representation”. Keine Besteuerung ohne politische Repräsentation. Das war die Boston Tea Party. Die Migranten sollten um Druck aufzubauen alle Waren und Güter die sie herstellen und besteuern in die Flüsse auskippen. In den Flüssen würden Tonnen von Mercedes, BMWs und Döner Kebab schwimmen.  Ganze Kohlebergwerke und Stahlfabriken lägen in Main und Donau. Berlin ohne Gastarbeiter hätte es nach dem Mauerfall so nie gegeben. Auch Berlin würde jetzt in der Spree liegen.

Vielleicht sollten Migranten in den Osten des Landes ziehen. Dort könnten sie Montag für Montag gemeinsam mit den abgehängten und besorgten auf vergoldeten Straßenbahnschienen und permuttenen Kopfsteinpflastern demonstrieren. Die einen, gegen den vermeintlichen Verlust von Mitspracherecht, Heimat, und Demokratie. Und die anderen für ein Wahlrecht, Mitspracherecht und Demokratie. Wie klingt das? Zu populistisch? Zu stark vereinfacht? (…) Ich denke nicht. Ich denke es ist genau der Ton der in diesen Debatten herrscht. So zu sprechen hieße, dass man den Gedanken der Anpassung ernstgenommen hat. Wer so redet, wäre fabelhaft integriert.”

 

Während wir uns der Boston Tea Party aber als revolutionären Akt des Widerstandes erinnern, wird die anti-rassistische Selbstorganisation von Muslimen, Schwarzen, PoC, Romnja, Geflüchteten auf ‘Opferrolle’ reduziert.

Alles eine Frage der Rahmung? Weshalb rahmen wir unsere eigenen Realitäten eigentlich mit dem Vokabular jener, die nicht von diesen Realitäten betroffen sind?

Ich glaube wir werden zukünftig umso weniger daran vorbeikommen, uns intensiv mit dem Wissen jener auseinanderzusetzen, die sich schon seit vielen Jahren mit Rassismus, Kolonialismus, Orientalismus, Nation-Building u.ä. beschäftig(t)en.

Und diese Auseinandersetzungen müssen kritisch erfolgen. Sie dürfen nicht zu Ohnmacht und Lethargie führen. Sie sind der erste Schritt um politisch aktiv zu werden.

Du kannst nicht an einem Problem arbeiten, das du gar nicht erkennst.

“Education is our passport to the future, for tomorrow belongs to the people who prepare for it today.” Malcolm X

“And just because you have colleges and universities doesn’t mean you have education.” Malcolm X

 

Abschließend möchte ich mich an einige Impulse von Tariq Ramadan von einem Vortrag erinnern, der sehr gut auf den Punkt bringt weshalb anti-rassistisches und anti-sexistisches Engagement für mich mit meinem Selbstverständnis als Muslim zusammenhängt. Diese Gedanken äußerte ich eigentlich  auch in der Vergangenheit auf unterschiedlichen Plattformen und in unterschiedlichen Kontexten.

Gesellschaftliche Verantwortung als Muslim bedeutet in erster Linie nicht zum Islam einzuladen. Es bedeutet gesellschaftliche Misstände zu beheben, die eben nicht nur uns selbst als Individuen oder muslimische Community betreffen. Soziale Ungerechtigkeiten anzugehen und neue Gedanken und Narrativen anzustoßen.

Schmunzeln muss ich auch wenn ich daran denke, dass anti-rassistisches und anti-koloniales Denken und Arbeiten von Muslimen auch in der Vergangenheit schon immer mal wieder gerne als ‘unislamisch’ abgestempelt wurde.

“I believe in a religion that believes in freedom. Any time I have to accept a religion that won’t let me fight a battle for my people, I say to hell with that religion.” Malcolm X

In diesem Sinne auch die Frage: weshalb eigentlich kein gemeinsamer Dschihad mit ganz vielen unterschiedlichen rassifizierten Communities (muslimisch sowie nichtmuslimisch) gegen Rassismus? Mit ganz vielen unterschiedlichen Frauen* gegen Sexismus?

 

Ein bisschen widersprüchlich und ironisch finde ich es ja schon, das auch nicht selten aus muslimischen Reihen angenommen wird Diskurse um Rassismus, als von Rassismusbetroffene könnten nur aus der Position eines ‘gesellschaftlichen Outsiders’ erfolgen. Oder dass sie meinen, man könne nicht über gesellschaftlichen Rassismus reden ohne im zweiten Satz innermuslimische Problematiken zu adressieren. Gehören wir denn nun doch nicht genauso selbstverständlich zu der deutschen Gesellschaft, wie zu der muslimischen  Community?

Müssten nicht beide Diskurse mit der gleichen Selbstverständlichkeit geführt und mitbestimmt werden?

Und bin ich dann auch in der ‘Opferrolle’ wenn ich als muslimische Frau über innermuslimische Problematiken bezüglich Geschlechtergleichheit rede (Was ich ebenfalls tue)? Fragen über Fragen.

 

*Disclaimer: Ich kann unmöglich in einem Text alle möglichen Assoziationen zu einem Thema abdecken. Kommentare die absolut nicht auf das Geschriebene eingehen, sondern wegen dem ‘nicht Geschriebenen’ ranten erhalten entsprechend keine Beachtung. Über Rassismus und die Folgen davon zu reden bedeutet auch nicht, dass wir selbst als unterschiedliche Communities nicht andere Formen der Diskriminierung reproduzieren können.

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