Der Tag an dem ich mir einen Bart aus Wörtern ließ

 

 

 

Wenn man mich fragt ‚Warum?‘ dann lautet meine Antwort: sakalımız yokki dinletelim.“ Das ist ein türkisches Sprichwort, das so viel bedeutet wie: „Mir fehlt der Bart, deshalb hört niemand auf mich“ / oder noch besser „I can’t make them listen/follow my instructions“.

 

 

Dieser Bart ist hier ein Symbol. Vielleicht für den Gelehrten. Dem Imam. Vielleicht aber auch für Weisheit allgemein. Also für jemanden, der weise ist, weil er lange Zeit schon lebt, weil er lange Zeit schon diesen Bart pflegt.

 

Denken wir an Robinson Crusoe und die vielen anderen Geschichten von Männern, die irgendwo eine lange Zeit verbringen und die länge ihres Bartes diese Zeitspanne symbolisch zu unterstreichen scheint.

 

Und vielleicht hängt beides zusammen. Ist gar nicht wirklich voneinander zu trennen.

 

Vielleicht wird der Imam als geistlicher geehrt und unterstreicht seine zugeschrieben Weisheit symbolisch mit dem Bart. Ein Mann des Studiums.

 

Vielleicht ist der Imam von dem Bart als Zeitzeugen gar nicht zu trennen in diesem Sprichwort.

 

In beiden Fällen ist dieses Sprichwort Zeugnis einer patriarchalen Welt. Der Imam und der Bartträger. Der spirituelle Kopf einer Gemeinde und der Wächter der Zeit.  Keine Frauen.

 

Und in beiden Fällen ist es kein „islamisches“, „muslimisches“ oder „türkisches“ Gleichnis. Finden wir doch symbolische Parallelen hierzu in Romanen, Mythen, Filmen uvm. Der deutsch- und englischsprachigen Welt.

 

Aber vielleicht hängt das alles mit meinem Punkt zusammen.

 

Vielleicht wird uns, gerade weil das ‚überlegene‘ europäische, weiße Selbst mit Männlichkeit gleichgesetzt wird,  und der ‚kulturell‘, ‚ethnisch‘ und religiös ‚Andere‘ das weibliche und infantile Gegenstück darstellt, nicht zugehört.

 

 

Und so prallt mein türkisches Sprichwort auf meine rassifizierte Lebensrealität in Deutschland.

 

Es hört keiner, wenn wir als Menschen, deren Existenz von Rassismen in diesem Land nicht erst seit gestern bedroht wird, als Menschen, die die Anzeichnen einer rassistischen Radikalisierung einverleibten, weil sie das Erfahrungswissen ihrer Eltern als Familienerbe tragen, frühzeitig Vorwarnungen aussprachen.

 

May Ayim sprach.

 

Marwa El-Sherbini sprach.

 

Oury Jalloh sprach.

Enver Şimşek sprach.

Halit Yozgat sprach.

Theodoros Boulgarides sprach.

Khaled Idris Bahray sprach.

Aylan Kurdi sprach.

 

 

Wenn wir früh genug die geistige Brandstiftung Sarrazins erkannten und uns anhören mussten, das er doch Statistiken habe. Von unseren Nachbarn. Unseren Lehrer_innen. Unseren ‚Freund_innen‘.

 

Wenn wir von Anfang an die rassistischen Tendenzen der neu gegründeten AfD benannten, damit jene die uns damals als Spalter, Demokratiefeinde und Übertreiber beschimpften sich heute mit Einsicht zu uns stellen.

 

Nicht gedacht haben wollen, dass sich das Ganze in diese Richtung entwickeln könnte.

 

Wenn man mich fragt ‚Warum?‘ dann werde ich sagen: Weil wir in diesem Land nicht den nötigen Vertrauensvorschuss genießen. Weil es symptomatisch für ein koloniales, weißes Selbstbild ist, das es glaubt, alles besser als jene zu wissen, die sich diese kulturelle Amnesie aus Überlebensgründen nicht leisten können.

 

Weil sie nicht halb so wachsam auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen blicken, wie auf ihre ständig überwachten, ständig durchleuchteten, ständig zu erziehenden ‚Anderen‘.

 

Wie sie ihre ‚Anderen‘ somit zu Ikonen ihrer nationalen Selbstvergewisserung erhoben.

Sakalımız yokki dinletelim

 

 

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One thought on “Der Tag an dem ich mir einen Bart aus Wörtern ließ

  1. Liebe Emine,
    du schreibst tolle und berührende Texte! Ich versuche grade überall im Internet deine Emailadresse herauszubekommen, aber habe es nicht geschafft bisher. Ich würde dich gerne für ein Event als Referentin einladen – wäre toll von dir zu hören! Wie kann ich dich erreichen?
    Lisa

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