Hey bro. Did you know?

Zwischen uns.

Das Foto ist etwa aus dem Jahre 1993/94. Mein Bruder und in unserer letzten Wohnung. Als Kind war alles unkomplizierter. Dann wurden wir immer älter. Machten unterschiedliche Erfahrungen. Erfuhren eine andere Art von gesellschaftlichem Ausschluss.

Heute sehe ich meinem Bruder dabei zu, wie auch er anfängt den (antimuslimischen) Rassismus in unserer Gesellschaft immer stärker wahrzunehmen. Er erinnert mich an die erste Zeit, in der ich gewisse Dinge stärker zu hinterfragen anfing. In der ich eine Wut verspürte, die mit der heutigen nicht mehr vergleichbar ist. Diese erste Wut, wenn du gewisse Sachen in der Gesellschaft besser zu verstehen beginnst und plötzlich jeden einzelnen Moment aus deiner Vergangenheit neu einordnest. Neu definierst. Momente, die du damals nicht benennen konntest sortieren sich nun in deinen Erinnerungen und du spürst eine Überwältigung.

Auch heute ist meine Wut auf und meine Wahrnehmung für Rassismen nicht weniger. Es ist aber keine Wut mehr die mich lähmt, sondern die mich aktiviert. Ich sehe meinen Bruder und würde ihm gerne ein paar Tipps geben. Mich mit ihm hinsetzen und sagen “hey bro. Weißt du was, vor ein paar Jahren habe ich mich auch an diesem Punkt befunden.” Ich möchte ihm von den Fehlern erzählen die ich gemacht habe. Davon, worauf ich heute noch mit Stolz  und Dankbarkeit zurückblicken kann.

Aber dann ist da so viel unausgesprochenes. So viel an Kommunikation, die aufzuholen ist. So viel Verbitterung, so viel Schmerz, so viel Gewalt, die wir mit dem Eintreten in die Wohnung immer an der Türschwelle zurückließen. Wir wissen beide nicht, wie man über solche Dinge redet. Wie der Bruder seine Schwester verstehen kann. Wie die Schwester ihren Bruder verstehen kann.

Da ist so viel zwischen uns.

 

Und ich weiß, dass viele Brüder da draußen sehr viele gewaltvolle Erfahrungen machen.

But bro, did you know?
In dieser Gesellschaft werden unsere Bedürfnisse und Probleme oft gegeneinander ausgespielt. Sie hängen in vielerlei Hinsicht zusammen.
Deshalb ist es wichtig, dass wir uns in jederlei Hinsicht für die Lebensrealitäten der jeweils anderen interessieren. Dass der Bruder genau zu verstehen lernt, wie die Schwester in einem rassistischen, kapitalistischen und sexistischen System unterdrückt wird. Und andersherum.
In einem System, in dem sich die Schwester für die selbe Arbeit und die selben Aussagen für die der Bruder heroisiert wird, einem Shitstorm ausgesetzt sieht, ist es selbstverständlich bequemer sich als kritischen, innovativen und mutigen Intellektuellen feiern zu lassen. Selbstverständlich ist es bequemer für das Ego, die Schwierigkeiten zu übersehen, denen sich die Schwester ausgesetzt sieht.
As there are things white people can do without getting judged the same way PoC are, there are dynamics like that between male and female as well. Between rich and poor. And many other things that have an impact in our lifes.
Ihr kennt das ja, liebe Brüder. Weiße reiche Männer können sich die Birne zukiffen, ohne dass sie auf der Straße ständig nach Gras gefragt und von der Polizei drangsaliert werden. Und ihr könnt so anti-Drogen sein wie ihr wollt, ihr seid kollektiv im Visier.
Viele nicht-Schwarze Brüder  berichten in letzter Zeit immer öfter davon, dass sie durch die Debatten zu den sexuellen Angriffen in Köln anders durch die Straßen gehen. Dass sie wahrnehmen, wie (weiße) Frauen sichtlich angespannt neben ihnen werden.
Nun ja, diese Erfahrungen kennen Schwarze Brüder zu gut (please read George Yancy’s: Black Bodies, White Gazes: The Continuing Significance of Race). Aktuell liegt der diskursive Fokus bedingt durch die medialen und politischen Debatten ‘stärker’ auf den sogenannten ‘nordafrikanisch aussehenden’ Männern.
I hear you. I see you.
But do you see us too?
Seit dem ich mich erinnern kann, fällt mir kein Jahr ein in dem mein Hijab und mein muslimischer ‘Frauenkörper’ nicht zum öffentlichen Politikum gemacht wurde.
Neben all dieser Politisierung unserer rassifizierten ‘Frauenkörper’  gibt es auch diese typischen Fails patriarchaler Gesellschaften.
Egal in welchem Bereich wir uns als Frauen bewegen. Ganz unabhängig von der Arbeit die wir machen, an uns werden immer ganz andere Erwartungen gestellt als an Männer. Ein Maßstab, das äußerste Perfektion abverlangt und rücksichtslos in seiner Doppelmoral ist.
Ein und die selbe Arbeit wird ganz anders rezipiert/wahrgenommen/bewertet.
That’s shitty reality. So next time before you critisize a sister ask yourselves following questions:
1) Hat diese Sis diese Kritik nicht vielleicht schon auf dem Bildschirm, und weiß vielleicht etwas, was ich nicht weiß?
2) Hätte ich das Bedürfnis diese Kritik genauso zu äußern, wenn es sich um einen Mann handeln würde?
3) Wird diese Kritik wirklich von Mehrwert sein, oder stehe ich einfach darauf Frauen zu ‘belehren’?
4) What the fuck am I actually doing to support the sisters cause?
„Because women of colour experience racism in ways not always the same as those experienced by men of colour and sexism in ways not always parallel to experiences of white women, antiracism and feminism are limited, even on their own term.<< (Crenshaw 1995:337).
Oh bro, I did (not) know.
Kürzlich saß ich mit einem Bruder zusammen, der rassistisch angegriffen wurde. Natürlich weiß ich, dass das zahlreichen Brüdern und Schwestern ständig passiert. Aber ich war es nicht gewöhnt so offen mit einem Bruder über seine Ängste zu reden. Über seine Verletzbarkeiten. Darüber, wie es ihm als Mann selten zugestanden wird sich so verletzbar zu zeigen. Wenn von revolutionary love geredet wird, dann verstehe ich darunter das selbe wie den inneren dschihad. Was bedeutet das? Ich habe mein Ego im Griff, nicht anders herum.
Als Frau die von Rassismus betroffen ist erlebe ich Diskriminierung und Unterdrückung in vielen Bereichen. Manchmal führt allein die Beobachtung männlicher Privilegien zu einer Frustration, durch die ich die Empathie für meinen Bruder verliere. Wahrscheinlich kommt an diesem Punkt revolutionary love zu Wort. Mein Trauma, mein Schmerz, meine Frustration darf mich nicht blind für meinen Bruder machen.
Keineswegs bedeutet es, dass ich patriarchales Verhalten durchgehen lassen muss. Aber da kommt mein dschihad ins Spiel. Wir sind auf so vielen Ebenen in einem gewaltvollen System, dass wir den Blick füreinander verlieren.
Sometimes we need to show each other our wounds for the healing to begin.
Es tat gut diesem Bruder auf einer so menschlichen und unverstellten Ebene zu begegnen. Solidarität und Community steht und fällt nun mal mit oral his- & herstories.

“>>What difference does difference make? Intersectionality should not become a competition between those claiming oppression.<<“ (Crenshaw)

In einem System, in dem unsere Unterdrückungsformen gegeneinander ausgespielt werden beginnt die Solidarität oft mit der unverblümten Artikulation unserer Ängste.

So hey bro, did you know that many women in your communities experienced (sexualized) violence and that this still has a huge impact on how they feel in interactions with you?

That you might say or do things that trigger your sisters and remind them about emotionally and/or physically abusive relationships they’ve been trough?

Wie paradox es doch ist, dass wir in einer Gesellschaft leben in der Gewalt- und Unterdrückungsmechanismen darauf aufbauen, dass zum einen die Artikulation dieser Realitäten unglaublich tabuisiert ist, und zum anderen auch das Erlebte delegitimiert wird. Diese Hemmschwellen die wir da haben, sind die Mauern die wir für unsere Befreiung gemeinsam einreißen müssen.

Warum fühlt es sich so ‘unnatürlich’ und unüberwindbar an, die Zerbrechlichkeit unserer Brüder mit dem nackten Auge zu erblicken, wenn sie doch stetig gebrochen werden.

Warum fühlt es sich so ‘befremdlich’ an, die tausendfach angetastete Würde der Schwester auszusprechen, ohne sie ihn diesem Akt erneut anzutasten?

I walk on eggshells on my way to liberation. One egg at a time.

 

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