Muslims only:Wessen Gewalt wird präventiert?

Muslims only: Wessen Gewalt wird präventiert?
Ich bin in Eile und schnappe mir ein Taxi. Der Fahrer stellt das Radio lauter.

Einer der vielen >>Islamismus-Experten<< Deutschlands zählt einige seiner Meinung nach Besorgnis erregender Fälle auf.

Ein muslimischer Junge hatte sich zu Halloween in „militanter Verkleidung, mit einer Plastikwaffe“ in die Schule gewagt. Der >>Terrorismus-Experte<< wundert sich, weshalb die Eltern das nicht als eine eindeutige radikale Entwicklung ihres Kindes registrieren. Ich denke an Michael und Lukas, die als Soldaten, Polizisten, Piraten, Cowboys und viele andere Sachen verkleidet in die Schule gehen können. Mit Plastikwaffen, Plastikschwertern und allem anderen.
Ich denke an Verkleidungen, die kolonialrassistische Vorstellungen darstellen und zur deutschen >>Verkleidungsnormalität<< gehören. Alles kein Problem.

Alles kein Anzeichen für Radikalisierung oder rassistisches Gedankengut.

Es scheint überhaupt keinen Konflikt zwischen Solidaritätsbekundungen in Form von #IStandWithAhmed und dem zunehmenden Misstrauen gegenüber junger muslimischer Männer in Europa bzw. Deutschland zu geben. Als gebe es hier keine Ahmeds.

Als seien muslimische und/oder Schwarze Körper hier nicht stigmatisiert. Als würden sie nicht kriminalisiert werden.

Durch die starke antirassistische Skandalisierung dieses Falles schien sich der Mainstream Diskurs irgendwann überwiegend einig über den Rassismus dieses Bombenverdachts zu sein. Auch in Deutschland. Aber beim Transfer auf den Mechanismus, der diesen Verdacht auslöste hadert es dann trotzdem.
Während meine Rassifizierung als muslimische Frau ein Paradoxon an sich darstellt (unterwürfig und unterdrückt, aber gleichzeitig eine gefährliche Bedrohung), wird der muslimische Mann als patriarchal, homophob und gewalttätig dargestellt. Bereits im Kindesalter werden muslimische Jungen als eine potentielle Gefahr wahrgenommen.
Als eine Gefahr, die es zu de-radikalisieren gelte. Muslimische Jungen scheinen immer >noch nicht radikal<, >noch nicht gewalttätig<, >noch nicht patriarchal< zu sein.

Eine Entwicklung in diese Richtung wird subtil jedoch erwartet. Einfach mal Kind sein? Fehlanzeige.
In Deutschland hinkt die Anerkennung und Bekämpfung von antimuslimischem Rassismus und Islamfeindlichkeit genauso weit zurück wie von anderen Rassismen auch.

Außenstehende definieren für uns, wann muslimische Jugendliche der >Radikalisierung< Gefahr laufen. Das selbst ich einen kurzen Moment inne halte, weil mein Bruder anfängt regelmäßig zu beten, ist ein trauriger Ausdruck dessen, was diese Diskurse mit uns als Muslimen machen.
Umso fleißiger nicken wir dann, wenn es heißt, dass wir in unseren Moscheen ganz viel Präventionsarbeit leisten müssen.
I sense a little #GoodMuslimBadMuslim-Vibe here. Wir dürfen demnach in zwei >Ausführungen< existieren: Entweder wir erkennen den rassistischen Diskurs über uns selbst an, und bekämpfen die >bad Muslims<, (dann sind wir automatisch >good Muslims<), oder aber wir sind Teil des Problems. Und dazu zählen dann auch Muslime, die den Generalverdacht selbstbewusst ablehnen und entsprechende Präventionsmaßnahmen kritisieren [Disclaimer: keine Generalisierung. Die Beobachtung des Mainstream Diskurses]. Diese pauschalen Präventionsmaßnahmen und Verdachtsfälle haben etwas unglaublich stigmatisierendes an sich, und prägen ebenso die öffentliche Wahrnehmung von muslimischen Menschen. Im speziellen auch des muslimischen Mannes.
>Opferrolle< schreit dann irgendeine_r aus der Ecke, wenn wir kritisieren weshalb immer wieder die Religion oder >Kultur< von nicht-weißen Attentätern thematisiert wird, anstatt gesamtgesellschaftliche Faktoren und Verantwortungen in den Fokus zu nehmen.
Wann dürfen wir mit staatlich geförderten Präventionsmaßnahmen für weiße, nichtmuslimische Frauen und Männer rechnen, bei denen rassifizierte Communities die administrative Lenkung in der Hand haben?

Bei denen wir entlang unserer Bedürfnisse definieren, wann die Entwicklung von weißen Jugendlichen >gefährlich< wird? Vor allem stellt sich die Frage: gefährlich für wen? Ist ja nicht so, dass es nicht >genug< Fälle von rassistischer Gewalt in Deutschland gibt.
Stattdessen müssen wir uns bei rassistischen Angriffen immer wieder anhören, dass >kein Hinweis auf einen fremdenfeindlichen Hintergrund existiert<. Vergebens warten wir auf eine lückenlose Aufklärung der NSU-Morde, sowie vieler weiterer rechten Angriffe.
Eine muslimische Frau mit Hijab wird zur Zielscheibe eines rassistischen Angriffes, bei dem sie mit Alkohol übergossen und bewusstlos geschlagen wird. Die junge Frau muss sich während ihrer Anhörung die unglaublichsten Vorwürfe gefallen lassen. Es gibt keine landesweite Skandalisierung.

Irgendwann interessiert der Fall keine_n mehr. Bei jeder ermordeten Person trauern wir dann ein paar Tage, und machen dann wie bisher weiter. Keine Präventionsmaßnahmen. Warum auch?
Stattdessen gehört es zu unserer >Normalität<, dass wir uns für pauschale Präventionsmaßnahmen für muslimische Jugendliche begeistern lassen. Rassistische Diskurse funktionieren nämlich auf sehr vielen Ebenen. Sie schränken den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen ein, machen PoC zur potenziellen Zielscheibe rassistischer Gewalt, und prägen ihr Selbstbild und Selbstbewusstsein.
Und wenn es dann um anti-rassistische Arbeit geht wird erwartet bei PoC an demselben Punkt anzusetzen wie bei weißen Menschen .

Die Erwartungshaltungen in dieser Arbeit sind meist ziemlich verzerrt und gehen an den Bedürfnissen von Personen of Color vorbei.
Sorry, aber ich habe mehr davon, wenn ich die Diskurse – denen ich wegen rassistischen Darstellungstraditionen überhaupt erst ausgesetzt werde – entlarven kann, als wenn ich in einem Raum weißer Menschen davon berichte, was ich alles erlebt habe und wie >selbstbestimmt< ich doch bin.

Dahin kommen wir aber nicht, wenn wir unsere eigene Emanzipation an den Standards der weißen Mehrheitsgesellschaft orientieren. Since, it is this discourse that is part of the problem.

#StudentsNotSuspects, oder #PreventingPrevent sind Kampagnen aus England, die ich in dieser Hinsicht als besonders emanzipierend empfinde.

An solchen selbstbewussten Widerständen gegen gewisse>Erziehungsmaßnahmen<, die von außen herangetragen werden, fehlt es uns noch. In dem letzten Jahr, so mein Gefühl, sind vor allem aus den jüngeren Generationen vermehrt Stimmen in dieser Richtung laut geworden. Ein langer Weg liegt aber noch vor uns.

Memories of Liberation
Als ich kürzlich so darüber nachdachte, habe ich eine Verbindung zwischen meiner Bewunderung für Malcolm X und der Arbeit von Aamer Rahman erkannt. Malcolm X lernte ich in meiner frühen Jugend kennen.

Seine Rolle und sein Wirken für die Widerstände und Identitätspolitiken Schwarzer Menschen in Amerika und darüber hinaus sind definitiv einer der wichtigsten Aspekte die betrachtet werden müssen.

Als ich ihn aber als 15jährige kennenlernte hatte ich noch etwas anderes im Fokus.

Da war dieser muslimische Mann in einem weißen nichtmuslimischen Land, der unglaublich selbstbewusst die Denunziationsversuche seiner emanzipativen Politik auseinandernahm.

Er wurde für mich zu einem Vorbild der unerschütterlichen Integrität und Courage. Und später zu einem Vorbild der Dekolonisierung des Selbst. Ich hatte einfach bis dato keine Referenzpersonen, mit denen ich mich als junges muslimisches Mädchen in Deutschland identifizieren konnte.

Artikulieren konnte ich das nicht auf diese Weise. Ich hatte keine Begrifflichkeiten für das was schief lief. Darüber, weshalb die Fragen mit denen ich durchlöchert wurde sich so falsch anfühlten.

“Having the opportunity to ride on the front, the back or the middle of someone else’s bus doesn’t dignify you. When you have your own bus, then you’ll have dignity.”

Auch heute gebe ich innerlich ein „Ah, Malcolm!“ von mir und bete für ihn, wenn ich über neue und alte Zitate von ihm stoße. Wenn ich etwa tagelang keine Worte dafür finde, was in einem gewissen Diskurs falsch läuft. Wenn ich zusätzlich davon verunsichert werde, dass einige Muslime um mich herum diesen Diskurs als innovativ und progressiv empfinden.

Es ist immer ein >einen Schritt zurückgehen< und die Paradoxie der Diskussionen, in die wir uns verwickeln lassen, von außen betrachten.

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Als ich das erste Mal Videos von Aamer Rahman sah war es unglaublich empowernd für mich einen muslimischen Mann vor Augen zu haben, der ebenfalls in einer weißen Gesellschaft sozialisiert wurde und mit dieser Selbstverständlichkeit einen emanzipativen Standpunkt einnahm.

Meine muslimische Sozialisation in Deutschland war eher integrationistisch als empowernd geprägt.

Diese kurzen Videos nahmen mir in ein paar Minuten Komplexe, die ich in meiner ganzen Jugend mit mir herumgetragen hatte.

Er stand da einfach, als bekennender Muslim, als rassifizierter Mann (as a brown person) und nahm Rassismen auseinander. Und ich saß da und fühlte mich bald wie ein Wackeldackel.
Meine Herzensangelegenheit ist es anderen Geschwistern solche Momente zu ermöglichen. Momente, in denen sie sich nicht klein, sondern groß fühlen. Momente, in denen sie sich kritisch mit weißer Geschichtsschreibung und aktuellen politischen Diskursen auseinandersetzen, um sich eben nicht zum >Opfer< west-europäischer >Zivilisierungsmaßnahmen< machen zu lassen.

We need to stop explaining white people that we are human too.That we’re not all terrorists.  We need to show our youth ways of self emancipation instead.
In diesem Sinne: #CondemningCondemnation

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