Ein Wort zum Tag der Deutschen Einheit

Ein Wort zum Samstag, ein Wort zum heutigen Tag:

Seit etwa einem Jahr verfolge ich ganz besonders den Rassismus und Anti-Rassismus Diskurs unter Muslimen in Deutschland vermehrt mit. Ich kann zu meiner Freude sagen, dass ich sehr viele Leute wahrgenommen habe, die früher unglaublich integrationistisch unterwegs waren und mittlerweile sehr viel selbstbewusster gleiche Rechte einfordern und Rassismus beim Namen nennen.

Das ist für mich in zweierlei Hinsicht ein unglaublicher Segen, weil ich mich zum einen als Muslima in diesen Diskursen nicht mehr isoliert und allein gelassen fühle, sondern sehr viele starke Geschwister als Verbündete finde, und weil ich zum anderen glaube, dass wir nur so unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden können.

Aber trotzdem gibt es sowohl mehrheitsgesellschaftliche, weiße nicht-muslimische Stimmen, als auch immer mal wieder auch muslimische Stimmen, die immer wieder von Muslimen und/oder anderen rassifizierten Communities fordern von dieser “Opferrolle” wegzukommen. Sie meinen damit, dieses “ewige Gejammer um Rassismus”. Anpacken solle man. Zwei Dinge sind ganz fürchterlich falsch bei Gedanken dieser Art.

Zum einen wird damit die Arbeit unserer Eltern und Großeltern nichtig gemacht. Alles, was von den Generationen vor uns aufgebaut wurde, alles worauf wir jetzt überhaupt blicken können steht ungewürdigt im Raum. Das Problem wird nicht in gesellschaftlichen Barrieren und der fehlenden Anerkennung der seit Jahren geleisteten Arbeit gesucht, sondern bei jenen, die sich aus ihrer marginalisierten Position heraus versucht haben einen Platz in dieser Gesellschaft zu sichern. Bei jenen, die seit dem sie in diesem Land sind (egal ob migriert oder geboren) immer wieder beweisen sollen, dass sie überhaupt über sich selbst entscheiden dürfen.

Dass sie für sich selbst sprechen dürfen, dass sie Menschen sind. Diskurse, die wir immer noch führen. Die wir wie leere Konservendosen hinter dem Wagen herziehen. “Just Married”.

Aber diese Ehe ist keine Partnerschaft. Diese Ehe ist eine gewaltvolle, eine unterdrückende, in der uns unser Gegenüber emotional ausbeutet. Abusive Relationship. Diejenigen, die das merken und die Scheidung einreichen, oder eine Eheberatung vorschlagen werden jedoch mit der “Opferrolle” stigmatisiert, während die anderen das Problem ‘weg-ignorieren’ zu können glauben.

Ja, wir sind aber auch keine leichten Partner, reden sie sich dauernd zu. Ja, wir sind aber auch schon selbst Schuld. Irgendwie verdienen wir das ja. Deutschland hätte uns doch nicht geheiratet, wenn es uns nicht lieben würde, oder? Wie pathetisch sich das anhört merken sie gar nicht.

Wir erfreuen uns an unserer Ehe, weil Ehe immerhin Gleichberechtigung verspricht. Wir imaginieren einen Soll-Zustand als Ist-Zustand und hören auf zu fordern. Hören auf in Richtung Soll-Zustand zu arbeiten.  “Was beschwerst du dich denn so? Wir haben es doch bis zum Standesamt geschafft. Das ist doch keine Selbstverständlichkeit!”

Wird die Opferrolle also wirklich von der Person verkörpert, die nicht gewillt ist sich an Jahrestagen über einen schönen Blumenstrauß und Pralinen zu erfreuen, während sie einen Tag davor noch von Wut und Trauer geplagt war? Dieser Person, die sich bewusst darüber ist, dass sie mit solch einem Verhalten die falschen Signale sendet? Dass sie ihrem ‘Partner’ damit das Gefühl gibt, dass es okay ist 364 Tage im Jahr ungerecht und erniedrigend zu sein, sofern sie einen wunderschönen Jahrestag erleben darf?

Wenn wir nun als rassifizierte Communities gerade an Ereignissen wie dem “Tag der Deutschen Einheit” gute Miene zum bösen Spiel machen, gerade an diesen Tagen keine starken symbolischen Signale senden, verspielen wir uns jede Chance darauf ernstgenommen zu werden. Wir bleiben in unserer Opferrolle.

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