Man kann nicht nicht kommunizieren. Das ‘Almanwissen’ und Ich

Man kann nicht nicht kommunizieren. ‘Almanwissen’ und Ich.

Ich habe als Kind sehr schnell gesprochen. Sehr sehr schnell. Auch heute spreche ich vielleicht noch schneller als so manch andere Person, was in einer Diskussion sehr vorteilhaft sein kann, da ich mich oft in der Lage sehe ein Argument nach dem anderen in die Diskussion einzuwerfen. Ich weiß nicht, ob ich schnell denke und deswegen schnell spreche, oder ob das schnelle Sprechen in meiner Kindheit mir das schnelle Denken antrainiert hat, aber ich weiß, weshalb ich anfing so schnell zu sprechen.

Ich hatte es sogar als Kind mal ganz genau so ausgesprochen, aber lange nicht mehr darüber nachgedacht. Es war die Angst, dass niemand sich dafür interessiert was ich zu sagen habe. Dass Andere keine Geduld dafür haben, dass ich meinen Gedanken ausführen kann. Also beeilte ich mich.

Ich beeilte mich, damit man mich nicht unterbrach, damit man mir nicht Sachen in den Mund legt, die ich so nicht meinte. Ich beeilte mich, um eine Stimme zu bekommen und in dem Gespräch existent zu sein. Heute bin ich sehr viel selbstsicherer was das angeht, aber wenn ich an diese Zeit zurückdenke kann ich mich sehr gut an dieses Herzrasen erinnern, das immer dann  noch schlimmer wurde, wenn ich beim Reden die Körpersprache meiner Zuhörer*innen analysierte. Wenn ich das Gefühl bekam, dass sie ungeduldig werden. Das gab mir immer das Gefühl, dass ich es einfach nicht schaffe meine Gedanken für andere nachvollziehbar zu verpacken. Oder dass das was ich zu sagen habe nicht interessant oder relevant für Andere ist. Phasenweise führte dies dazu, dass ich mich aus Gesprächen ausklinkte.

Konkreter betrachtet geht das Ganze darauf zurück, dass ich das erste Kind meiner Eltern war, meine Mutter kaum bis gar nicht Deutsch sprach und ich erst mit fünf Jahren in den Kindergarten kam, um dann mit sechs eingeschult zu werden. Ich sprach kein Deutsch als ich in den Kindergarten kam, was mich verunsicherte und zu einem sehr ruhigen Kind werden ließ. Es war die Angst, durch meine ‚fehlerhafte‘ Sprache für ‚dumm‘ gehalten zu werden. Also sprach ich lieber nicht, als etwas ‚Falsches‘ zu sagen. Was dann aber in der Grundschule dazu führte, dass ich für ‚dumm‘ gehalten wurde, weil ich nichts sagte. Oder das ich das was die Lehrerin sagte nicht verstehen würde, und deshalb nicht mitreden würde. Ich verstand alles. Meine Sprache verbesserte sich, aber die Angst vor dem Sprechen blieb.

Das Ganze wurde zu einem regelrechten Teufelskreis. Wann ich wirklich schaffte diesen Kreis zu durchbrechen, oder ob ich ihn wirklich jemals so richtig durchbrochen habe weiß ich ehrlich gesagt nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich diesen imaginären Kreis um mich herum in die Räume mittrage in denen ich mich bewege.

Die Räume verändern sich, so dass ich im Vergleich zu meinen früheren Räumen vielleicht dominantere Sprechpositionen einnehme, aber in Anwesenheit meiner aktuellen Gesprächspartner*innen verändert sich die Wirkweise dieses Kreises. Mein Mund bewegt sich, Wörter kommen heraus, aber während des Sprechmoments reflektiere ich schon wieder, inwiefern diese Menschen meine Lebensrealitäten (an)erkennen können. Manchmal sage ich ein und dasselbe wie eine andere Person im Raum. Aber aus meinem Mund scheinen diese Wörter nicht die gleiche Wirkung zu entfalten.

Einen ganz klaren Meilenstein in meinem Leben spielte jedoch die Autobiographie von Malcolm X, die ich mit 16 Jahren auf Türkisch las. Meine Liebe für Malcolm entfachte damals vor alles aufgrund seiner Disziplin und seinem Willen, sich gegenüber weißen Menschen artikulieren zu können. Er merkte, was seine ‚Sprachdefizite‘ mit ihm machten, und woran sie ihn hinderten. Er verschlang ein ganzes Wörterbuch. Ich kann mich jetzt nicht ganz genau daran erinnern, ob in der Autobiographie der Frust Malcolms diesbezüglich wirklich so detailliert beschrieben wurde, oder ob es mein eigener Frust war, den ich aus meinen eigenen Kontexten nur zu gut kannte.

Wir mimen immer die unglaublich starken und taffen ‚Migranten‘,  Personen of Color,  Deutsche mit ‚Migrationshintergrund‘, ‚neuen Deutschen‘ oder Ausländer. Wir sprechen immer wieder über unsere Erfolge, weil uns immer eingeredet wurde, dass wir keinen Erfolg haben können. Nun wollen wir es natürlich ‚beweisen‘. Wir wollen demonstrieren, wie ‚erfolgreich‘ wir sind. Das erinnert ein wenig an die Selbstdarstellung auf Social Media. Jede*r zeigt nur seine beste Seite. Erfolgsgeschichten werden geteilt, Misserfolge nicht.

Was das mit uns macht? Ich glaube es vermittelt uns unterbewusst das Gefühl, dass wir weniger wert sind, wenn wir Misserfolge verzeichnen. Dass wir weniger liebenswürdig sind, oder das jeder noch so kleine Rückschlag alle unsere bisherigen Erfolge rückgängig macht.

Wir führen diese Selbstdarstellung nämlich nicht nur nach außen hin durch, sondern auch immer im Rückschluss auf uns selbst. Wir kreieren Bilder von uns Selbst, denen wir dann auch vor uns Selbst gerecht werden wollen. Diese Imagination von fehlerfreien Übermenschen führen aber eigentlich dazu, dass jeder noch so kleine Rückschlag tiefer sitzt, als er es eigentlich wert wäre und uns so viel Energie für das Aufstehen und Weitermachen nimmt.

Deswegen finde ich es nur gesund offen über Unsicherheiten zu reden.

Darüber, dass egal wie stark wir nach außen hin wirken, wir auch alles nur Menschen sind, die Spuren ihrer Biographien mit sich herumtragen. Die Kinder ihrer Sozialisation sind.

Über diese Artikulationen konnte ich doch erst verstehen, wie stark meine eigene Biographie mit den Erfahrungen anderer Menschen verwoben ist. Wie ‚normal‘ es ist solche Unsicherheiten zu entwickeln in einer Gesellschaft, die nicht mit den Kindern von Gastarbeitern umzugehen wusste. Wie ‚normal‘ diese Hürden in einer Gesellschaft sind, in der Rassismus und ein dichotomes Verständnis von >Wir< vs. >die Anderen< zur ‚Normalität‘ gehört.

It gives you closure. Closure because with an increasing knowledge about how racism works in this society you begin to understand and to re-define your past experiences.

„Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“ Paul Watzlawick

Was kommuniziert also eine Gesellschaft mit Kindern bereits im frühen Alter, wenn sie ihre volle Persönlichkeit und Kreativität nicht entfalten können, weil sie immer wieder befürchten müssen, dass man sich an ihrer Aussprache oder Grammatik oder Ausdrucksweise stört? Was kommuniziert eine Gesellschaft mit diesen Kindern, wenn ihr ‚Allgemeinwissen‘ als weniger relevant oder ‚wirklich‘ behandelt wird, weil die weißen deutschen Kinder und die weiße Lehrerin nicht an dieses Wissen oder diese Lebensrealität anknüpfen können?

‚Allgemeinwissen‘ hieß es immer. Für mich war das alles irgendwie immer nur ‚Almanwissen‘. Bei uns zu Hause liefen andere Sender, es wurden andere Bücher gelesen, andere Probleme besprochen, andere Lebenserfahrungen gemacht. Das sogenannte ‚Allgemeinwissen‘, das in der Grundschule vor allem im Sachunterricht immer so wichtig schien war eines der Themen, bei denen ich am lautesten schwieg.

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Mein erster Schultag

P.S: Zum Thema (De)Legitimierung von Schwarzen Wissensarchiven oder Wissensarchiven of Color kann ich das Werk „Plantation Memories. Episodes of Everyday Racism“ von Grada Kilomba sehr ans Herz legen.

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