“Es ist immer leichter, die Kritik zu kritisieren.” Deutschland und seine ewigen Neuankömmlinge.

A, B, A, B, A, B

Ich will endlich zum C!

Dieses Gefühl schleicht sich bei mir ein, wenn ich durch mein Facebook Newsfeed scrolle, oder aber die Berichterstattungen über Deutschland und ihre fleißigen Helfer*innen verfolge.

Auf dem Blog von„international women’s space berlin“ (kurz iwspace) las ich eben einen Artikel über die Ausblendung von selbstverwalteten, emanzipatorischen Refugee Organisationen in diesen ganzen Debatten.

Meine neueste Social Media-‚Aktivisten‘- (ich weiß nicht, ob sich die Person selbst so bezeichnet, deshalb a big sorry) Bekanntschaft Sinthujan postete folgende unglaublich treffende Beschreibung der aktuellen Lage:

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Vor einigen Stunden erst telefonierte ich mit einer Freundin, die gerade an einem super interessanten Artikel schreibt, in dem sie ihre Bedenken zum Retter-Selbstimage Deutschlands äußert.

Seit Wochen kreisen mir diese Gedanken durch den Kopf, doch sobald ich Kritik an diesen Sachen äußerte, wurde mit „Zynismus“ hier, „Deutschenfeindlichkeit“ da reagiert. Man zweifelt an sich selbst, fängt an sich zu fragen „Bin ich zu einer Person geworden, die keine Hoffnung mehr verspüren kann?“.

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Aus dem Artikel “SozialpornoTraiskirchen”
Das Zitat ist aus einer Rede Angela Davis' in Berlin 2015
Das Zitat ist aus einer Rede Angela Davis’ in Berlin 2015

In diesen Momenten bin ich umso dankbarer, dass ich doch nicht so allein stehe mit diesen Befürchtungen. Was hier ganz klar differenziert werden sollte ist die berechtigte Kritik an der Darstellung der Geflüchteten, als unmündige, hilfsbedürftige ‚Opfer‘ (das passiert leider sehr oft auch unterbewusst), und die häufig bei dieser Kritik unterstellte Ablehnung des humanitären Einsatzes.

Diese Unterstellung pathologisiert jegliche Kritik an den schimmernden Helfer*lein. Niemals würde ich auf die Idee kommen, mich gegen humanitären Einsatz zu positionieren, aber was viele von einem erwarten ist die Ignoranz für strukturelle Probleme oder dem Fehlverhalten gegenüber geflüchteter Menschen.

Der Grund weshalb diese kurzsichtige Perspektive mich und so viele andere Menschen so sehr wurmt ist, dass wir Erfahrungen mit solchen Phänomenen machen mussten. Ohne zu sehr in Details zu gehen kann ich sagen, dass ich bei all den Bildern die sich gerade in Deutschland abspielen auf taufrische Rückblenden von ‚kollektivem Zusammenhalt‘ und der Mobilisierung für eine ‚gemeinsame Sache‘ zurückgreifen kann.

Ich kann gut nachempfinden, wie sich diese kollektive ‚Hilfewelle‘ anfühlt, aber ich kann auch das ziemlich schmerzliche Erwachen danach noch sehr gut bis auf die Knochen spüren. Dann nämlich, wenn es zu heikleren politischen Fragen kommt, dann, wenn sich inmitten des kollektiven Helfens ganz individuelle und widersprüchliche Erwartungen manifestieren. Ein Teil einer so unerwarteten, großen Mobilisierung zu sein, verblendet nicht selten für Probleme.

Aber wir scheinen festzuhängen in dem A,B,A,B. Dem Verpönen von Rechtsradikalismus und dem freundlichen Empfang der (Gastarbeiter, Migranten) Geflüchteten als Reaktion auf und Distanzierung vom Ersteren.

Immer wieder muss sich dieses Muster wohl erneut abspielen. Was denn sonst, wenn jegliche Kritik und realistische Prognose mit „Pessismus“ abgewehrt wird? Wieso wird das Wissen derer, die vor vielen Jahren selbst Geflüchtete waren, und jener, die heute noch für ihre Menschen- und Bürgerrechte in diesem Land kämpfen, ignoriert und bevormundet?

Wieso fällt es so schwer anzuerkennen, dass wir so schnell wie möglich daran mitwirken müssen, dass in diesem Land Strukturen geschaffen werden, die unseren persönlichen humanitären Einsatz ablösen und geflüchteten Menschen ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben ermöglichen? Hierzu arbeiten unterschiedliche von Geflüchteten verwalteten Organisationen und Bewegungen, die ernst genommen und unterstützt werden müssen. Lasst uns nicht zu den neuen „Nichtmuslimen“ werden, die jahrelang über „die Muslime“ reden, statt mit ihnen. Ich möchte meine Community nicht in dieser Position sehen und schreibe diese Zeilen aus Besorgnis.

Wie in einem früheren Facebook Post kann ich nur wiederholen, dass die Art und Weise wie wir ‘helfen’ einen enormen Unterschied macht. Das ihr einen “Finger krumm macht” bedeutet nicht, dass ihr die Menschen die ihr unterstützen wollt zu euren Social Media Ausstellungsobjekten machen dürft, oder euch anmaßen könnt darüber zu urteilen, wie diese Leute sich zu verhalten haben.

Nicht selten folgt dem ersten Schritt des Helfens der zweite Schritt des Bevormundens. Bewusst und/oder unbewusst.

Für diese Kritik müssen  wir empfänglich bleiben. Wenn wir uns heute etwa darüber freuen, dass wir wegen Geflüchteter als Gesellschaft so zusammengewachsen sind, tun wir da denn eigentlich was anderes, als auch dieses Leid zu instrumentalisieren? Sind es dann auch wieder Geflüchtete, die in irgendeiner Weise für Kriminalität oder sonstiger rassistischer Stereotype verantwortlich gemacht werden, wenn sie denn nicht mehr die “Neuankömmlinge” sind? Warum projezieren wir die Ursachen dieser Flucht erneut auf die Geflüchteten, und tun uns so schwer mit einer scharfen Kritik der deutschen Politik und Gesellschaft.

Wieso wundern sich hier  noch einige Menschen, dass manche sich eben nicht einfach nur an den Refugee-Empfängen erfreuen können, ohne Bauchschmerzen zu verspüren?

An der Euphorie des ‘Helfens’ emotional hängend stehen wir dem strukturellen Wandel im Wege. Wir glauben das Rad neu zu erfinden und bewegen uns dabei nicht vom Fleck.

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3 thoughts on ““Es ist immer leichter, die Kritik zu kritisieren.” Deutschland und seine ewigen Neuankömmlinge.

  1. Vielen vielen Dank für den Artikel! Ich finde mich sehr in deinen Zeilen wieder. Ich kriege von dem Paternalismus der weißen Helfer_innen, die teilweise meine Freund_innen sind, gerade so das Kotzen. Deshalb tut es gut, von dir zu lesen 🙂

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