Zur Colo(u)rblindness in unseren Communities oder: Warum ich Dedes Liebling war.

Random-Vorwort:

Ich reflektiere aus meiner individuellen Position heraus und erfinde nirgendwo das Rad neu. Vielleicht sind gewisse Ideen/Perspektiven aus einigen anderen Debatten bekannt, vielleicht gibt es auch Leser*innen, die das erste Mal durch diese Zeilen zu entsprechenden Gedankengängen angeregt werden. Ich adressiere in meinem Blog Menschen mit Diaspora/Rassismus-Erfahrungen in Deutschland und versuche über meine Belange und Bedenken Zugänge zu ihren zu schaffen. Leute die mich und meine politischen Ansätze kennen wissen, dass mir die solidarische Zusammenarbeit rassifizierter Communities besonders am Herzen liegt und das auch sehr gerne in Vorträgen und ähnlichem einbringe. Der folgende Text ist die Reflexion dieser Arbeit. Ich hoffe er wird als liebevoller Reminder gelesen. In jeder Hinsicht: Take what you can use for yourself and leave what you don’t like.

Zur Colo(u)rblindness in unseren Communities oder: Warum ich Dedes Liebling war.

Bis zu meinem zweiten Lebensjahr etwa hatte ich blaue Augen und war überhaupt eine der wenigen hellen ‚Typen‘ in unserer Familie. Immer wieder erzählte mir mein Großvater(möge er in Frieden ruhen), dass ich wundervolle helle Haut hatte. „Taşbebek gibiyidin” (Du warst wie eine Porzellanpuppe) hieß es dann immer. Natürlich stand hierbei Porzellanpuppe für etwas teures, edles, und helles. Auf die Idee meine Cousinen mit dunklerer Hautfarbe Porzellanpuppe zu nennen kam nie jemand. “Kap kara olmuşun”(Du bist ja richtig schwarz geworden) waren dann die Reaktionen aus der Familie, wenn ich mich meinem Spieltrieb in der Sonne hingegeben hatte. Was für ‘liebgmeinte Sticheleien’ meine jüngeren Cousinen zu hören bekamen gehe ich jetzt nicht ein. Natürlich muss das nicht die Regel sein, natürlich muss es nicht in jeder Familie so ablaufen, aber ich bin mir sehr sicher, dass wir weder die einzige türkische Familie, noch die einzige muslimische waren, in der es so ablief. Weshalb spielte die helle Hautfarbe hier einen erwähnenswerte Rolle?

Erfahrungen wie diese wurden schon viel zu oft artikuliert und dokumentiert. Könnt ihr euch noch an Carla von Scrubs erinnern? In einem Video erzählt sie von ihren Schwestern, und wie ihre Schwester mit der dunkelsten Hautfarbe davon erzählte, dass sie sich selbst in der Familie anders behandelt gefühlt hat als ihre Schwestern. Das ist kein Beispiel von ‘Rabeneltern’ oder ein merkwürdiger Einzelfall. Erlebnisberichte dieser Art habe ich sowohl von Schwarzen Menschen als auch anderen Personen of Color schon oft gelesen. Ich war die Lieblingsenkelin von meinem Dede (türk. Großvater). For no special reason. Er war nicht besonders gesprächig, und ich war noch bis vor vier Jahren ein hoffnungsloser Fall was das bounden mit Leuten anging, mit denen ich nicht so viel gemeinsam habe. Wir sahen uns immer nur von Sommer zu Sommer, aber ich war schon immer sein Liebling gewesen. Er schwärmte immer davon, was für ein besonders schönes Kind ich gewesen war, mit meinen blonden Haare und blauen Augen.

Wir sind einfach nicht frei von gewissen Schönheitsidealen, und (unter)bewussten Hierarchisierungen von Menschen. Das zu behaupten sorgt vielleicht bei einem Selbst für ein befriedigendes Gefühl, aber es hindert uns daran, unsere unterbewussten Priorisierungen zu reflektieren. Das wiederum ändert nicht an der Lebensrealität jener, die unter diesen Hierarchien leiden.

Was für eine verklärte Erwartung haben wir eigentlich von uns Selbst und unserem Umfeld, wenn eine dunklere Haut sogar zwischen Geschwistern zu Ungleichbehandlungen führen kann? Rassismus wird nicht in den allermeisten Fällen von bösen Menschen mit rassistischen Intentionen ausgeübt. Unsere Wahrnehmungen, unser Denken, unsere Präferenzen (Wem vertrauen wir, wem misstrauen wir, wem würden wir eher als kriminell einstufen, wen erachten wir für intelligent und gebildet?) sind durchsetzt mit Schubladen, die auf rassistische Unterscheidungen zurückgehen. Um die Sichtbarmachung von rassistischen Hierarchien jedoch – die auch vor unseren persönlichsten zwischenmenschlichen Beziehungen keinen Halt machen – scheint ein großes S T O P Schild aufgestellt zu sein. Wenn doch aber diese Positionen selbst zwischen unseren Nächsten wirken,  weshalb sollten sie bei den Toden die wir beklagen, dem Leid, für das wir Empathie empfinden oder die Geflüchteten, die wir wahrnehmen halt machen?

Wenn von Colo(u)rblindness geredet wird, ist  damit die Ausblendung der rassistisch-hierarchischen Beziehungen zwischen Menschen gemeint. Die Ansage „Für mich sind alle Menschen gleich“, in einem Gespräch um Rassismus ist so ein Fall von Colo(u)rblindness. Colo(u)rblindness ignoriert die Lebensrealitäten von rassifizierten Menschen und erklärt ihre Erfahrungen und ihr Wissen um Rassismus mit einem Schlag zu nichtig. Menschen aufgrund ihrer Religion, ihrer sozialen Zugehörigkeit oder ihrer Hautfarbe zu diskriminieren ist gesellschaftlich verpönt und widerspricht daher dem Selbstbild von Menschen.  Colo(u)rblindness dient hierbei dem sich mehr oder weniger ‚aus der Affäre ziehen‘. Natürlich gibt es keine biologischen Menschenrassen, aber mit diesem Argument verändert sich nicht die Realität jener, denen aufgrund von körperlichen, religiösen oder >kulturellen< Gründen Eigenschaften zugeschrieben werden.

 

Die Sache mit der Color(u)rblindness ist doch die, dass sich Menschen in privilegierteren Positionen dieser Idee des „Wir sind doch alle gleich“, je nach Anliegen bedienen können. Unterschiede zu sehen oder auszublenden wird in ihren Händen zu einem Entscheidungsinstrument. Wenn mir nichtmuslimische Leute erklären, dass es gewisse gesellschaftliche Ausschlüsse gar nichts mit meinem Kopftuch, meines rassifiziert-seins zu tun haben, dann wirkt das unfassbar ignorant auf mich. Dieselbe Person sieht meine >Andersartigkeit< aber sehr wohl, wenn sie mich nach meiner ‚Herkunft‘ ausfragt. Wenn mir nichtmuslimische Menschen erklären wollen, dass Muslime und als solche gelesene Menschen in Deutschland doch gar nicht benachteiligt sind, und das das Gerede darüber das eigentliche Problem ist, dann wirkt diese Person an der Fortführung dieser sozialen Verhältnisse mit. Sie versucht die Benennung des Problems mundtot zu machen, weil sie eigentlich kein Interesse daran hat, sich mit der eigenen Position in diesem großen Ganzen auseinanderzusetzen.

 

Als Frau of Color, als sichtbare Muslima erfahre im Gegensatz zu einer weißen Frau auch Rassismus. Während wir beide Sexismus erfahren, unterscheiden sich unsere gesellschaftlichen Lebensrealitäten. Aber gleichzeitig mache ich auch nicht die selben Erfahrungen wie eine Frau, die beispielsweise keine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland hat. Nur weil Menschen eine soziale Identität teilen, heißt es nicht, dass sie diese soziale Identität mit den selben Privilegien und Lebensrealitäten erfahren. Und nur, weil ich rassifiziert bin mache ich nicht dieselben Erfahrungen wie eine Schwarze Frau. Der Grund meiner Rassifizierung, meiner Dikriminierung, geht auf idiotische Rassenlehren zurück, die Schwarze Menschen auf die niedrigste Stufe stellten. Während wir die Effekte von jahrelanger negativer Berichterstattung über Muslime beklagen, dürfen wir nicht vergessen dass wir uns in Räumen bewegen, in denen es seit hunderten von Jahren rassistische Darstellungen über Schwarze Menschen gibt.

Wenn wir etwa Frustration verspüren, weil muslimische Gemeinden für  politischen Machtzuwachs miteinander konkurrieren, dann sollten wir vielleicht auch mal darüber reflektieren, dass es viele weitere marginalisierte Communities in Deutschland gibt, zu denen wir vielleicht ein ganz ähnliches Verhältnis haben.

Merkwürdig wird es, wenn Stimmen laut werden, die die eigene Diskriminierung seitens der Mehrheitsgesellschaft als sehr real empfinden, während sie gleichzeitig von ‚unislamischen‘ Gehirngespinsten reden, sobald betont wird, dass Diskriminierungen auch entlang von Hautfarben ablaufen. Auch innermuslimisch. Selbst die pauschale Universalisierung unserer Geschwister im Islam ist kein Ausdruck von Einigkeit, sondern von fehlender Sensibilität ihrer Lebensrealitäten und einer assimilierenden Auflösung im Kollektiv.

Es ist okay, über die religiöse Zugehörigkeit und die damit verbundenen Fremdzuschreibungen zu reden, aber es wird ‚abstrus‘ wenn Hautfarben ins Spiel  kommen? Warum? Weil es keine Menschenrassen gibt? Weil Rassismus in unserem Selbstverständnis keinen Platz hat? Ähnliche Aussagen würden sehr viele sogenannte ‚Islamkritiker*innen‘ auch von sich geben. Während wir in unserer antirassistischen und emanzipatorisch-politischen Arbeit auf ein intellektuelles Erbe von Schwarzen Menschen zurückblicken, verinnerlichen wir gleichzeitig jene weißen Abwehrmechanismen, die uns irgendwie dazwischen verorten und Aufstiegschancen versprechen.

Die Verleugnung dieser Unterschiede marginalisiert die Stimmen und Erfahrungen der betroffenen Personen. Es ist mir als muslimische Frau überhaupt nicht fremd, dass sich nichtmuslimische Menschen meine Lebensrealität überhaupt nicht ausmalen können. Dass sie auf entsprechende rassistische Erfahrungen mit einem „das glaube ich jetzt aber nicht“, oder „sie haben das bestimmt falsch verstanden“ reagieren. Guess what: Auch wir sind ebenso blind für Probleme und Realitäten, die uns nicht unmittelbar betreffen. Innerhalb unserer Communities von ‚Spalterei‘ zu reden, sobald reale Erfahrungen geteilt werden,  scheinen wir uns gut abgeguckt zu haben. Oder weshalb vergessen wir zu gerne, dass wir selbiges auch bei der Artikulation unserer eigenen marginalisierten Erfahrungen zu hören bekommen?

Be The Change You Wanna See…oder so.

Wenn ich so in die muslimischen Communities blicke sehe ich viele engagierte Menschen, vielversprechende Persönlichkeiten und so viel Einsatz, wie vielleicht lange nicht mehr. Das macht Mut. Ich sehe aber auch die unterschiedlichen Herausforderungen der muslimischen Communities in Deutschland.

Ob das nun irgendwelche Politik-Futzis sind, die sich sehr geschickt der Tatsache bedienen, dass Gemeinden die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts verwehrt wird, oder mit weiteren Teile und herrsche-Strategien marginalisierte Communities gegeneinander ausspielen, die Problematiken auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, die Diskriminierungen in Bildungseinrichtungen. Es gibt viele Baustellen.

Umso dankbarer bin ich für die vielfältigen engagierten Leute in Deutschland, die sich alle auf anderen Gebieten einsetzen und mit ihren Fähigkeiten und Plattformen sich unterschiedlicher Baustellen annehmen.

Unmöglich können vereinzelte Individuen in allen Feldern fit sein und jede Widerstandsform mittragen. Das müssen wir anerkennen und uns zugestehen. Aber gleichzeitig müssen wir auch die Notwendigkeit dieser vielfältigen Arbeit anerkennen. Einstellungen, in denen Menschen ihre eigene Arbeit als besonders wichtig hervorheben und andere Baustellen  banalisieren verkennen die vielschichtigen gesellschaftlichen Ebenen, in denen Communities of Color (rassifizierte Communities) gesellschaftlich an den Rand gedrängt und benachteiligt werden.

Es fällt oft schwer, geduldig mit jenen zu sein, die einem am nächsten stehen. Gerad dort sind die Erwartungen besonders hoch. Dann neigt mensch schon mal dazu, mit der eigenen Community härter ins Gericht zu gehen, als mit jenen, von denen diese Benachteiligung ausgeht. Oder aber man sieht die eigene Community nur noch aus der Perspektive der gesellschaftlichen Benachteiligung und vergisst, dass sie auch durchaus Positionen der Privilegien einnehmen. Dass sie sich je nach sozialem Verhältnis auch an der Unterdrückung oder Benachteiligung anderer Communities beteiligen können.

Dann drücken wir ein Auge zu, wo keins zugedrückt werden sollte. Ich musste lange mit mir selbst ringen, um eine annähernde Balance zwischen Geduld für eine stigmatisierte Community und notwendiger Kritik an jenen Menschen zu finden, die für mich auf anderen Ebenen eigentlich gute Arbeit leisten. Die Unabhängigkeit und Stärkung der eigenen Community jedoch werden wir nicht erreichen, während wir zeitgleich andere Ebenen der Diskriminierung ausblenden oder mal eben zum ‚kleineren Problem‘ erklären und auf irgendwann anders verschieben.

 

Und zu guter Letzt, weil es gerade so angesagt ist: Refugees.

Verantwortung für seine Mitwelt zu übernehmen, ohne andere Menschen zu hilfsbedürftigen >Objekten> zu machen, ein ziemlich schwieriges Unterfangen. Colo(u)rblindness stinkt. Das habe ich vermutlich mittlerweile ausdrücken können. Diese Colo(u)rblindness wirkt auch in gut gemeinten Aktionen zum Support von geflüchteten Menschen. Das Verhältnis  mit geflüchteten Menschen existiert in keinem luftleeren Raum. Hier prallen zum einen rassistischen Stereotypen aufgrund von Hautfarbe, >Kultur<, und Religion, sowie des ‚Flüchtlingsstatus‘ auf die Selbstwahrnehmung als Helfer*in, die es mit den Geflüchteten gut meint und meist auch besser weiß, was gut für diese ist.

Und mit Bauchschmerzen muss ich auch an einen Bruder denken, der mich mit einem Facebook-Post daran erinnerte, dass auch zwischen Geflüchteten soziale Hierarchien wirken. Frag dich selbst, seit wann du dich für die Probleme von Geflüchteten in diesem Land interessierst. „Lieber spät als nie“ wäre jetzt eine mögliche Antwort. Und es geht auch vielweniger darum, den Effekt zu kritisieren als über den Grund zu reflektieren.

Was man bei „Refugee-Aktivismus“ so alles machen kann um besonders eklig zu sein gibt es bei Shehadistan zu lesen.

 

#EndeGelände (Whaddup Activism Reference, Whaddup IISuperwomanII Reference)

In dem letzten Jahr bestanden meine Bemühen stets darin, mit unterschiedlichen People of Color zu netzwerken und diese Wichtigkeit auch in muslimischen Kontexten so oft ich nur konnte zur Sprache zu bringen. Ich habe hierbei sowohl unglaublich empowernde und verbindende Momente erleben, als auch mögliche Fallstricke beobachten können. Communities of Color in Deutschland werden durch ihre solidarischen Bündnisse die Probleme einer speziellen Community zum größeren Anliegen machen und gemeinsam gegen rassistische Strukturen agieren können. Um in dem Verhältnis mit anderen Communities of Color die der Verbündeten einnehmen zu können, müssen wir uns aber von der Colo(u)rblindness-Idee verabschieden und erkennen, an welchen Punkten wir der Emanzipation anderer Communities schaden.

Das kann sich schon in Kleinigkeiten äußern wie der Tatsache, dass wir etwa einen Malcolm X ausschließlich in seiner Rolle als muslimische Persönlichkeit vereinnahmen, und seine Identität als Schwarzen Mann mit einer durchgehenden Pro-Black Politik ausblenden.

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