“Wir haben reale Probleme auf der Welt.” Die Delegitimierung von PoC-Wissen

Rassismus scheint sich immer wieder beweisen zu müssen. Immer wieder ganz laut aufschreien. “Hier! hier bin ich!” Jedenfalls scheint diese Erwartungshaltung bei weißen Menschen fest zu sitzen. Ich für meinen Teil glaube ja, dass es zu viele Menschen gibt, die Rassismus nicht einmal erkennen würden, wenn er ihnen ins Gesicht kotzen würde. Ich würde den Rassismus, der mich ständig umgibt, mir wie ein Schatten auflauert und so viel Aufmerksamkeit von mir abverlangt gerne mal abgeben. Gerne würde ich Rassismus an die Leine nehmen, einer weißen Person an die Hand geben und würde sagen: “Hier, lauft mal eine Runde um den Block. Und vergiss nicht die Scheiße aufzusammeln. Sonst gibt’s Stress mit dem Ordnungsamt.”

Natürlich wird das nicht effektiver sein als die “Hijab-Experimente” von nicht-muslimischen Frauen. Meinen rassifizierten Leser*innen muss ich da nichts erzählen. Jeder Moment in dem wir uns befinden ist eine Ansammlung von all den Momenten davor. All den Erfahrungen, und hierunter fallen auch solche mit Rassismus, die sich ansammeln und uns zu der Person machen, die wir sind. Da fühlt es sich schon wie eine ziemliche Anmaßung an, wenn einem weiße, nicht-Muslime erzählen, sie wüssten genau wie es einem damit gehe. Liebe PoC, sagt ihnen ruhig, dass sie keinen blassen Schimmer haben. Holt sie ruhig in die Realität zurück. Das ist nur zu ihrem Besten. Und auch zu eurem, denn seien wir ehrlich: die besten weißen Freunde sind jene, die verstehen, dass sie nicht alles verstehen. Rassismus ist PoC-Wissen. Mein weißer Rassismus-Sitter würde wahrscheinlich auch schon nach zehn Minuten um den Block laufen aufgrund der emotionalen Belastung zusammenbrechen. Wir sammeln die Scheiße hinter Rassismus schon unser leben lang auf. Wir sind die Expert*innen. Wir lernen unser ganzes Leben mit Rassismus umzugehen. So sehr, dass er uns oft gar nicht mehr auffällt. Und das ist ja das Traurige. Er wird zu unserer Normalität.

 

Guckt euch ruhig ganz viele Videos von People of Color an, die von Rassismus berichten. Lest Artikel, Blog-Einträge oder andere Formen verschriftlichter Rassismus-Erfahrungen. Und meldet euch bei mir, wenn ihr nicht Kontinuitäten entdeckt. Wenn es nicht immer ganz bestimmte Muster, ganz bestimmte Strukturen gibt, an denen entlang  unterschiedliche Rassismen verlaufen. Angefangen von dem Gefühl, das sich verbreitet wenn etwas rassistisches passiert, bis zu weißen Abwehrmechanismen wenn man etwas rassistisches benennt.

Wir haben alle ein passives Wissen um Rassismus. Damit meine ich, dass wir ihn verinnerlichen. Internalisieren, ohne wirklich immer aktiv darüber nachdenken zu müssen. Was vielleicht auch ganz schön entlastend ist.  Aber genau diese Normalisierung von Rassismus führt auch dazu, dass wir häufig gar nicht wirklich artikulieren können, was da gerade gelaufen ist. Vielmehr haben wir diese Intuition, dass gerade etwas rassistisches passiert ist. Es ist etwas körperliches, das abläuft. Entweder wie ein Loch, das sich im Magenbereich öffnet. Oder eine ganz starke Belastung auf der Brust, die in einem Selbst alles verlangsamt und um einen herum alles beschleunigt.

Bis wir reagieren können, ist die Situation nicht mehr greifbar, der Frust der hinterlassen wird kann sich aber noch über Tage hinweg ziehen. Rassistische Situationen stehen nicht für sich selbst. Wir erleben nicht 100 voneinander unabhängige rassistische Momente in 356 Tagen. Diese Momente stapeln sich. Aktiv wird dieses Wissen, wenn wir uns mit dem ‘Warum?’ und dem ‘Wie?’ auseinandersetzen. Wenn wir 20 Bücher zu Rassismus-Studien lesen, werden wir uns denken: ‘Alter, das hätte ich dir auch sagen können.’ Aber unser Wissen ist nicht valide. Es wird nicht als ‘gültiges’ Wisse anerkannt, sondern mit dem Betroffenheitsvorwurf, der uns jegliche kritische Reflexion abspricht, ins Offsite verbannt (Omg, habe ich gerade eine Fußball-Metapher benutzt?!).

Während das weiße Subjekt aus einer ihm von seinen weißen europäischen, aufklärerischen Vorfahren vererbten Superkraft heraus in der Lage ist, all seine eurozentristische Sozialisation in jedem Kontext abzulegen. Es ist nicht das weiße Subjekt das spricht, es ist der Mensch schlechthin. Es ist dieses ‘man’, von dem man immer redet. An dieser Stelle kommt das Weißsein als normierende Norm ins Spiel. Als hegemonialer Diskurs.

Ohne die Aktivierung unseres passiven Wissens um Rassismus werden wir immer wieder emotionale und psychologische Gewalt durch den hegemonialen Diskurs erfahren, ohne ihn zu verstehen. Ohne in der Lage zu sein, uns aktiv der Dekolonisierung unseres Selbst widmen zu können. Heute Nacht sind wir ganz besonders ehrlich. Wenn der weiße Diskurs, und die Mehrheit der weißen Menschen ein Interesse daran hätten Rassismus zu beenden, wäre dies schon längst geschehen. Stattdessen sehen wir uns bei jeder neuen Debatte um Rassismus mit Hunderten von Denkfehlern und Abwehrhaltungen konfrontiert. Und nein, damit meine ich nicht, dass weiße Menschen abgrundtief böse sind. Das bedeutet lediglich, dass priviligierte Personen einfach kein Interesse daran haben, Privilegien abzugeben. Sie erkennen sie ja nicht mal als solche an. Das macht Rassismus zu keinem individuellen, sondern strukturellen Problem.

Es ist ein Erbe, das sich in Kunst, Kultur, Wissenschaft, Denk- und Darstellungstraditionen und allem anderen, was uns als Menschen so umgibt, widerspiegelt.  Deshalb lese ich für mich selbst. Ich schreibe für mich selbst, und ich arbeite gegen Rassismus, für mich selbst. Ich muss mich, meine Gedanken- und Gefühlswelt dekolonisieren, um mit anderen rassifizierten Menschen nicht das Selbe zu machen, was mit mir gemacht wird. Ich muss meine Gedanken und mein Handeln dekolonisieren, um zu meiner Fitra, meinem Selbst zu finden. Und auf dem Weg hierin, werde ich auf die eine oder andere Weise auch Berührungspunkte mit anderen Menschen haben. Aber sobald ich mich in erster Linie auf diese anderen konzentriere, werde ich weder mein Selbstbild, noch das Fremdbild anderer dekolonisieren können. Das ist der Jihad*, der Struggle, den wir tagtäglich leisten müssen.

“(…) Allah ändert nicht den Zustand eines Volkes, bis sie das ändern, was in ihnen selbst ist.” (13:11)

All das sinnlose Aufhalten und abprallen an weißen Abwehrmechanismen ist verschwendete Energie, die wir in unsere eigene Dekolonisierung stecken sollten. Sein eigenes passives Wissen zu aktivieren, sich selbst zu dekolonisieren ist etwas, das auf seinem Weg sehr viele Früchte tragen wird. Ich vergleiche weiße Abwehrmechanismen sehr gerne mit der qur’anischen Beschreibung von Rechtleitung. Demnach heißt es, dass keinem Menschen, der aktiv und mit Aufrichtigkeit sucht, die Rechtleitung verwehrt wird. Dass der richtige Blick auf die Dinge auch das richtige Sehen mit sich bringt. Pretty much what defense mechanisms are about. Sie verhindern dieses offene und anti-koloniale Reflektieren.

Schlagt euch nicht mit Menschen rum, die sich aufgrund dieser Abwehrhaltungen immer wieder an dem Aufreiben, was ihr sagt und tut, während ihr euch selbst dekolonisiert. Jenen, die immer wieder von euch ausgeklammert werden wollen, euren PoC-Segen erbitten, um sich als anti-rassistisch zu verstehen. Let me tell you something. No one is ever fully anti-racist.

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Beginnt mit der Dekolonisierung, in der ihr euch von dem weißen Verständnis, der weißen Empathie um eure Rassismus-Erfahrungen loslöst. Wir können die Absichten der Leute nicht offen legen.  Wir können nur spekulieren, was ich als verschwendete Energie empfinde. Wir müssen verstehen, dass es de facto total egal ist, ob eine Person etwas rassistisch gemeint hat oder nicht. Denn unsere Rassismus-Erfahrung ist real, ganz unabhängig von der Intention oder der Böswilligkeit des Gegenübers. Von Menschen, die im Gegensatz zu uns nicht unbedingt davon profitieren, dass Weißsein entmaskiert, und Rassismus und Neo-Kolonialismus dekonstruiert wird, sollten wir die Legitimität unseres Erfahrungswissens nicht abhängig machen. Das, was für weiße Menschen ‘Hirngespinste’, ‘Empfindlichkeiten’, oder die ‘Race Card’ ist, ist für uns sehr wohl Realität.

Unsere Dekolonisierung, unser Austausch, und dieser Blog, is not for white people

 

*Hier würde normalerweise eine Erklärung des Begriffes stehen, weil die Angst zu groß ist, dass uns weiße, nicht-muslimische Menschen Terrorismus vorwerfen. An Stelle dieser begrifflichen Erklärung möchte ich hiermit jenen, die es immer noch nicht mitbekommen haben die Möglichkeit bieten, sich mal von dem Mainstream Diskurs um diesen Begriff loszulösen und sich selbst zu informieren. Thank me later.

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3 thoughts on ““Wir haben reale Probleme auf der Welt.” Die Delegitimierung von PoC-Wissen

  1. Wieso überhaupt Aktivismus? Bete doch einfach zu deinem Allah, wenn du wirklich daran glauben kannst.
    Seriously, überleg dir doch mal, deinen Kopf von religiösen Hirngespinsten zu befreien.

    1. Oh wow, danke 🙂 Du bist die erste Person während meiner Ganzen Sozialisation in einer sekularen Gesellschaft, die mich als Muslima mit so einem Satz konfrontiert! Wo wäre ich nur ohne die aufgeklärten Menschen, die mich von meinen ‘Hirngespinsten’ ‘befreien’ wollen?

      Seriously tough. Anstatt dich so sehr mit mir zu beschäftigen (und das auch noch im Fail-Modus des Grauens, da du dir nicht einmal die Mühe machst um eventuell zu verstehen, dass mein Aktivismus und meine Religiosität sich gegenseitig bedingen, da Aktivismus ein ganz essentieller Teil meiner Religion ist) und mich so paternalistisch anzupampen, könntest du dich mal versuchen auf ‘andere’ Lebensrealitäten einzulassen. Wenigstens im Sinne der Befreiung von eurozentrischen Perspektiven auf Religiosität.

      Denn so, wie es kein ABC für Feminismus gibt, und Feminismus je nach Kontext anders aussehen kann, kann meine De-kolonialität gerade an der Betonung meiner Religiosität liegen. Aber wer nicht will, der hat schon. Der nächste Troll-Kommentar wird aber nicht so viel Attentation bekommen. Für inhaltlich weiterbringende Kommentare kannst du gerne noch mal wiederkommen 😉

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