“It´s like fighting on the frontline without any backup.”

“Is there anything else we can help you with?” frage ich sie. “Yeah. We really need to see some solidarity right now. It´s like fighting on the frontline without any backup.”

Sie gehört dem Asylum Seekers Movement in Dresden an. Die Bewegung, für die sich leider nicht genug Leute zu interessieren scheinen. Wie sehr einen Besetzungen und Bewegungen an körperliche und psychische Grenzen bringen können, kenne ich aus anderen Kontexten. Vielleicht erleichtert mir das die Empathie. Vielleicht erklärt das meine Ratlosigkeit darüber, dass sich nicht genug Leute für den Widerstand in Dresden zu interessieren scheinen.

Während dort Menschen mit dem Einsatz ihrer Körper Widerstand leisten, unterschätzen wir, wie sehr allein ein symbolischer Support, eine Soli-Aktion über Social Media oder überregionale Kundgebungen Kraft und Ausdauer schenken können. Auf der Suche nach dem Grund hierfür stoße ich unabhängig vom Zeitfaktor auf die Kriminalisierung, die jede Sympathie und Empathie mit solch einer Bewegung im Keim erstickt. Viel zu groß ist die Hemmung, seine Position politisch nicht begründen und verteidigen zu können.

Die wenigsten Leute scheinen auf die Idee zu kommen, dass die Polizeiuniform keine Unantastbarkeit bedeutet. Wenn Polizist*innen eine Person zu Boden drücken, oder sich ganz spezifische Menschen für die Ausweiskontrolle herauspicken wird davon ausgegangen, dass das schon irgendwie berechtigt sei.

Und das, obwohl wir in der Geschichte mehr als ausreichend Beispiele dafür haben, dass Staats- und Polizeigewalt mit besonderer Kritik zu betrachten sind. Vor allem für Menschen, die sich eher als apolitisch verstehen, wirken die Kriminalisierungsversuche seitens Polizei und Politik sehr schnell. Dass die Forderungen der Geflüchteten an der Ohlauer Schule und jene des Asylum Seekers Movement in Dresden ganz grundlegende Menschenrechte darstellen, verlieren Angesichts der Degradierung durch öffentliche Stellen an Legitimität.

Nach einem Gespräch mit Petra Köpping, der sächsischen Staatsministerin Gleichstellung und Integration drückt der Refugee Struggle Dresden in einer Pressemitteilung vom 6. März seine Enttäuschung aus:

Amanuel, ein teilnehmender Geflüchteter bedauert: „Uns wurden lediglich allgemeine Antworten zu Deutschkursen, der Unterbringungssituation und der sozialen Betreuung in Sachsen gegeben. Uns wurde gesagt, dass wir abwarten sollten, und sich die Situation verbessern würde. Konkrete Vorschläge machte die Ministerin nicht und verwies lediglich auf die im Haushalt bereitgestellten Mittel.“

Zudem wurde uns Geflüchteten versprochen, dass das Ministerium sich um ihre individuellen Problemlagen in ihren Städten kümmern würden, das ist jedoch nicht die Absicht des Refugee Struggle. Wir wollen auf die strukturellen Problemlagen im sächsischen Asylsystem aufmerksam machen und lassen unseren Protest nicht mit persönlichen Versprechen eindämmen.

Wir haben das Gefühl, dass unsere Forderungen mit kleinen Zusagen abgetan werden sollen. So wird sich im Asylsystem nichts ändern. Wir wollen deshalb unseren Protest fortsetzen und beraten gerade über eine geeignete Form. Spätestens Montag Abend werden wir wieder in der Öffentlichkeit demonstrieren.

Wir halten Gespräche mit Poltiker_innen erst dann für sinnvoll, wenn sie transparent geführt werden und auf Forderungen der Geflüchteten konkret eingegangen wird. Ziel muss es sein, eine Veränderung herbeizuführen. Das Gespräch heute war für uns ein weiterer Beweis für das Vorgehen von politischen Institutionen bei Geflüchtetenprotesten, wie sie bereits in vielen Städten Deutschlands, zum Beispiel in Berlin, München oder Hannover stattgefunden haben. Die Proteste sollen eingedämmt, die Gruppe mit individuellen Angeboten gespalten und letztendlich den Geflüchteten die Schuld für ihre Situation gegeben werden. Dagegen wehren wir uns. Wir fordern die sächsische Landesregierung auf, endlich unseren Forderungen nach gleichen Rechten nachzukommen, um ein menschenwürdiges Leben für Geflüchtete zu ermöglichen.

Leider konnte ich nicht widerstehen und habe mir die Kommentare unter diesen durchgelesen. Die Whiteness springt einen nur so an. Diese Kommentare sind nur ein ganz kleiner Blick darauf, was für ein Gedankengut zu der Entstehung der PEGIDA Demonstrationen beigetragen und was für ein Gedankengut das Refugee Camp in Dresden angegriffen hat:

Michael: Die sollen sich mal von de Wort ” Geflüchteten” verabschieden und diese Leute Geschleuste nennen. Die, die wirklich Krieg und Not erfahren haben, hängen in in irgendwelchen Zeltlagern in Jordanien oder der Türkei rum, weil sie die Schleuser nicht bezahlen können.  Das was bei uns aufschlägt nimmt den wirklich Bedürftigen die Plätze weg.

Birgit: Ich werde das Gefühl nicht los, dass das Wort fordern in allen seinen Varianten mir förmlich aus dem Text entgegenspringt. Ich wehre mich dagegen diese Form der Willensbekundung zu akzeptieren.

Max:  Ja, lieber Amanuel, was möchtest du denn? Einen Mercedes als Begrüßungsgeschenk, eine Bedienungsanleitung in deiner Landessprache?

Die Kommentare sind widerlich und machen einfach nur wütend. Aber sie verwundern nicht. Dass dieses Gedankengut existiert, durch Ignoranz, einseitige mediale Darstellungen und politische Reden begünstigt wird, hören und sagen wir immer wieder. Aber leider scheint es uns noch immer an einer guten Vernetzung, einer überregionalen Organisierung zu fehlen. Wir lassen zu, dass unser Verständnis von Gerechtigkeit und Legitimität im Zustand der mentalen Kolonialität verharrt. We need to decolonize our minds!:

 

“Nobody in the world, nobody in history, has ever gotten their freedom by appealing to the moral sense of the people who were oppressing them.”
― Assata Shakur, Assata: An Autobiography
 In einem Land, in dem Gesetze erlassen wurden und immer noch erlassen werden, die Menschen ihrer Rechte berauben, sie degradieren, dehumanisieren und marginalisieren möchte ich mich nicht mit einem Verweis auf die Gesetzeslage Mundtot machen lassen. Ich möchte nicht zusehen, wie erneut Gesetze erlassen werden, die eine Abschiebung von Refugees erleichtern sollen. Noch weniger möchte ich, dass meine Schwestern und Brüder den Refugee Bewegungen die Solidarität versagen.
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Gerade deshalb nicht, weil wir mit dem NSU-Komplex vertraut sind. Und wenn wir mit dem NSU-Komplex vertraut sind, sollten wir auch mit dem Fall von Oury Jalloh vertraut sein. Dann sollten wir auch den Informationen um die Ermordung von Khaled Idris Bahray kritisch gegenüberstehen und erst recht sollten wir erkennen, dass die Kriminalisierung einer Befreiungsbewegung der einzige Weg ist, diese zu schwächen und aufzulösen.
In Gedenken an all die großartigen Menschen, an die wir heutzutage immer wieder mal wieder erinnern, möchte ich diese Erinnerungen ins richtige Licht rücken und lebendig werden lassen. Die Legacy eines Malcolm X, eines Martin Luther Kings, eines Huey Newton, eines Mohammed s.a.w. beruhten auf der Solidarität mit den Unterdrückten. Niemals in der Kollaboration mit den Unterdrückern. Und während ihrer Lebzeiten wurden all diese Menschen für ihre offene Sprache, für ihre Unzufriedenheit mit vorherrschenden Systemen und Ungerechtigkeiten, und für ihren Aktivismus bekämpft. Degradiert und kriminalisiert.
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One thought on ““It´s like fighting on the frontline without any backup.”

  1. Hey,
    Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich finds super, dass du gerade so viel schreibst und uns teilhaben lässt an deinen Gedanken 🙂
    Die NSU-Sache bewegt mich gerade auch total viel, gerade im Zusammenhang mit dem, was Oury Jalloh passiert ist.
    Beste Grüße
    Dennis
    p.s. anbei meine gedanken zu der letzten anhörung im untersuchungsauschuss in wiesbaden:
    https://www.zwischenze.it/wo-ist-die-wut/

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