#JusticeForMuslims… Die politische Message an unsere Generation

“Sind Sie denn in der Diaspora?”, fragt er mich mit einem Schmunzeln im Gesicht, nachdem ich von  meinen Blog erzählt habe.

Wenn man bedenkt, wie sehr ich als Muslima durch die öffentlichen Diskurse immer wieder von dieser Gesellschaft entfremdet werde, ja!” antworte ich.

“Sie sind in Deutschland geboren?” , auch das bejahe ich. Er versteht nicht. Ich schmunzele.

Für ein englisches Magazin soll ich mir unter anderem Gedanken darüber machen, ob es einfach ist in Europa eine “religiöse Identität” zu haben und sich als junge Generation von Muslimen zu artikulieren.

Ich muss an das Gespräch mit meinem Dozenten denken. Eigentlich wollte ich nur ein fachliches Gutachten. Was ich bekam war der “gut gemeinte Rat”, dass ich mich mit meinem “Kopftuch” selbst stigmatisiere, mit dazu beitrage, dass ich diskriminiert werde(Victim Blaming vom Feinsten).

Er legt mit seiner “persönlichen Meinung” nach.  Es störe ihn, weil er empfindet, dass ich mich ihm mit dem “Kopftuch” politisch aufdränge.  Als Studentin der Soziologie müsse ich ja eigentlich verstanden haben, was ich mir mit dem Kopftuch selbst antue.

Am selben Tag sehe ich eine Debatte ausbrechen. In einem deutschen Schmierblatt wird der rechte Zeigefinger, den Muslime oft in Verbindung mit dem Glaubensbekenntnis heben, als ISIS-Gruß verkauft. Unsere Allahu Akbar Rufe, unsere “Kopftücher”, unser Qur´an. Dinge, die aus dem Islam heraus definiert sind, werden uns in neo-kolonialen Debatten entrissen und fremdbestimmt.

Die selbstverständlichsten Bestandteile unserer Religion werden zu Synonymen für Fanatismus erklärt.

Das funktioniert deshalb so gut, weil eben jene Diskurse immer wieder im Fokus stehen. Niemand interessiert sich für das Leben von Menschen wie Deah, Yusor oder Razan. Darüber wird nicht berichtet. Eher werden sie als “Ausnahmen” dargestellt, während die wirklichen Ausnahmen als Leitfiguren im Diskurs um Muslime (egal in welchem Ort auf dieser Erde) und “den Islam” fokussiert werden. Die Nachrichten prasseln nur so auf mich herab.

Schweden. Ein 9-jähriger Junge wird von Sicherheitsangestellten der Bahn körperlich misshandelt. Er liegt auf dem Boden und kann sich kaum bewegen. Hebt seinen Finger und ruft mehrmals La ilaha illallah. Es gibt niemand anbetungswürdigen außer Allah. Ebenso ein Bestandteil meiner Religion, aus der Menschen wie ich Kraft schöpfen. Die unsere Beziehung zu unserem Schöpfer ausdrückt. Wieder etwas, was viele Menschen wahrscheinlich mit “Fundamentalismus” in Verbindung bringen. Der Junge liegt auf dem Boden. Niemand greift ein. Könnte der Junge vielleicht als gefährlich eingestuft worden sein? Ich denke an die sozialen Experimente in den USA, in der ein Schwarzer einmal die Position einnimmt, in der er einem weißen Mann hinterherrennt, als auch von ihm gejagt wird. In beiden Konstellationen wird der Schwarze von umherstehenden Personen gestoppt. In beiden Konstellationen wird er als die Quelle der Gefahr identifiziert. Stichwort Micro-Aggressions.

Frankreich. Nach Charlie Hebdo meinte eine Person zu mir, dass meine Bedenken unnötig seien. Personen, die Muslime vorher auch schon gehasst haben, würden sie jetzt nicht noch mehr hassen. Doch, genau das passiert aktuell. Die vermehrten Angriffe auf Muslime in Frankreich sprechen für sich. Ich lese von muslimischen Kindern, die in der Schule von Lehrern bedrängt werden, weil sie sich nicht mit Charlie Hebdo solidarisieren. Von Familien, denen das Jugendamt die Kinder entzieht, weil sie angeblich der Gefahr einer Fundamentalisierung ausgesetzt sind. Eingriffe in die Religionsfreiheit, Eingriffe in die Familie. Staatsgewalt. Individuelle Übergriffe. All das wird immer mehr zum Alltag von Muslimen in Frankreich. Der Ursprung solchen Übels, die Dehumanisierung, Kollektivierung und Veranderung von Muslimen, wird in der Antwort auf dieses Übel fortgeführt. Aber alle sind Charlie.

North Carolina. Drei Muslime, die durch ihren Aktivismus bekannt waren, werden von einem Mann hingerichtet. Auf seiner Facebook-Seite bezeugt er seine Haltung zu Menschen wie ihnen. Vergebens suche ich nach Artikeln und werde erst am späten Abend fündig. Und das auch nur im englischsprachigen Raum. Ich denke zurück an den medialen Aufschrei von Charlie Hebdo. Was macht es mit uns Muslimen zu sehen, wo die Empathie überwiegt und die Solidarität liegt?

Meine Schwestern und Brüder fühlen sich körperlich angreifbar. Verletzt, ungehört. Nach Vorfällen wie diesen möchte ich von kollektiven Traumata reden. Ich erinnere mich an eine Schwester, die rassistische Erfahrungen mit einer Hit-and-run Situation verglich. Rassismus ist immer ein Moment des Traumas.

Momente, in denen du rassistisch angegriffen bist, stehst du meist unter Schock. Und noch ehe du dich aus diesem Schock erholen und reagieren kannst, ist dein*e Angreifer*in schon wieder weg. Und du bleibst mit dem Gefühl von Ohnmacht und Wut zurück. Ohnmacht und Wut, das empfinden momentan viele Muslime und andere PoC um mich herum. Körperliche Gewalt erfahren zu können, weil wir so aussehen wie wir aussehen, wirkt wieder sehr real. Auf Gerechtigkeit und einen transparenten Prozess zu hoffen obwohl wir People of Color sind, ist die Story of our Lives.

Ich denke an Ferguson, an den NSU Prozess und all den staatlichen Terrorismus gegen meine Geschwister außerhalb der westlichen Privilegien.

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Das kollektive Trauma knüpft an ein kollektives Gedächtnis. Nach Charlie Hebdo, waren wir an 9/11 erinnert. An die Folgen für die muslimische Community. Nach der Hinrichtung meiner Geschwister in North Carolina muss ich an Marwa denken. An Oury, an Idris. An Michael, und viele andere PoC die zum Opfer von Rassismus und der kontinuierlichen Dehumanisierung in ihren Gesellschaften wurden.

 

“Of course there is nothing we can do to bring these 3 beautiful people back. The issue is about whether there is a structure underwriting this hatetrip. It´s 15 years of dehumanizing muslims as human beings and constantly associating Islam with a system of violence, extremism, terrorism, mysagony, patriarchy, and it´s that combination which has produced this lethal context in which all of us are living here now.” Dr. Omid Safi

 

Körperliche Gewalt erfahren zu können, weil wir so aussehen wie wir aussehen, wirkt plötzlich wieder real. Ob es nun daran liegt, dass Menschen, die sich als Muslime definierten, Morde verübt haben, oder andere Muslime ermordet werden, die persönliche Betroffenheit überwiegt ganz stark bei uns als marginalisierte,  rassifizierte,markierte und dehumanisierte Menschen.

Ain´t We People?

Mit Hashtags schaffen wir uns Sichtbarkeit. Schreien das in die Welt hinaus, was eine Selbstverständlichkeit darstellen sollte. #BlackLivesMatter, #MuslimLivesMatter. Dort wo die Mainstream Medien sich wegdrehen, versuchen wir Diskurse zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Ich erfahre über einen Hashtag von dem Vorfall in Ferguson. Ich erfahre über einen Hashtag von dem Vorfall in Chapel Hill. Und bekomme mehrere Nachrichten über Facebook, die mir vermitteln, dass sie ohne meinen Post gar nichts von der Ermordung gehört hätten.

#BlackLivesMatter, #JusticeForMuslims  schreien wir immer wieder in die Welt hinaus, empört über die fehlende Identifikation des White Supremacy mit Menschen die so aussehen oder heißen wie wir.

Wenn der Körper eines Michael Brown stundenlang auf dem Asphalt liegen gelassen wird. Wenn die Ermittlungen an der Ermordung eines Idris Bahray 30 Stunden auf sich warten lassen. Wenn eine Marwa im Gerichtssaal erstochen wird und sich die deutsche Medienlandschaft fünf Tage darüber ausschweigt, so wie sie sich über den Terror an Deah, Yusor und Razan ausschweigt, dann möchte ich keine leeren Phrasen von Politiker*innen vernehmen. Ich möchte Politiker*innen und Medienmacher*innen fragen: Was macht ihr gegen euren Terror, den ihr mit euren unreflektierten Reden und Beiträgen in diese Gesellschaften gesät habt? Wann fangt ihr an uns Rede und Antwort zu stehen?

Ich möchte, dass Diskurse darüber geführt werden, warum Morde seitens von Muslimen immer als Terrorismus bezeichnet werden, während jeder weiße, der einen rassistischen Mord verübt mit dem “mental illness” Stempel entschuldigt wird. Ich möchte, dass sich Politiker*innen und Medienmacher*innen dafür rechtfertigen, weshalb lächerliche Details fokussiert werden, obwohl hier ein riesiger Elefant im Raum steht. Warum sich die Familie Eric Garners Gespräche um illegale Zigaretten, und die Familien Dehas, und der beiden Schwestern Yasor und Razan Ausreden um “Parkplätze” anhören müssen.

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„Unsere Hautfarben mögen zwar Unterschiedlich sein, aber angesichts des sozialen Systems, angesichts des politischen Systems des Rassismus gibt es zwischen uns mehr Gemeinsames als Trennendes.“ (Rassismus und kulturelle Identität; Stuart Hall)

Ich möchte, dass mir meine Bekannten, die Charlie Hebdo mit Presse- und Meinungsfreiheit, und Filme wie American Sniper mit künstlericher Freiheit gleichsetzen ins Gesicht gucken, und erklären, dass diese Konzepte uneingeschränkt und  kostbarer sind als die Würde und das Leben jener, die so aussehen wie ich, so heißen wie ich, und an die selbe Religion glauben. Dass der Verlust von PoC-Leben Kollateralschaden sind, während sie sich nicht mal von ihrem geliebten N-Wort verabschieden wollen.

MLK [The martyred children] say to us that we must be concerned not merely about who murdered them, but about the system, the way of life, the philosophy which produced the murderer

 

Ob es einfach ist, eine religiöse Identität in Europa zu haben? Naja, wenn es nicht gerade “der Islam” ist, dann vielleicht schon.

 *WICHTIGER Nachtrag!!

 Ich wurde auf die Problematik des #MuslimLivesMatter Hashtags hingewiesen. Weshalb die Verwendung dieses Hashtags problematisch ist  möchte ich hier nochmal erläutern.  Häufig haben wir es mit einer Gradwanderung zwischen Solidarität und Aneignung zutun. Vor einigen Monaten noch hatte ich auf Facebook einen Artikel dazu gepostet, der davon berichtete, dass Muslime in Amerika sich oft Begriffe, und Symboliken der Schwarzen Widerstände borgen, sich jedoch selten solidarisieren.Und doch habe ich einen ähnlichen Fehler begangen. Für eine Solidarisierung finde ich es äußerst wichtig auf die Gemeinsamkeiten im Widerstand und Struggle aufmerksam zu machen. Aber dabei müssen wir kritisch bleiben und den Schmerz und die Widerstände der einen Community nicht untergraben, um unserem eigenen Ausdruck zu verleihen. Die Aneignung des Hashtags #BlackLivesMatters, und was ich leider auch sehen musste, die Ergänzung dessen mit #AllLivesMater, blendet wichtige Realitäten aus. If all lives would matter, we wouldn´t have certain problems. Und die Schwarze Community hat nochmal ganz andere Probleme als die muslimische.

Stattdessen lege ich allen mir selbst vorangehend, allen ans Herz,  Hashtags wie #JusticeForMuslims, oder #CallitRacism, #ChapelHillShooting zu nutzen.

 

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Weitere Empfehlungen zu diesen Topics:

Alle* Leben sind gleichwertig: Ein Notizzettel voller Gedanken

http://www.neues-deutschland.de/m/artikel/961731.wo-sind-all-die-charlies.html

http://www.dasmili.eu/home/#

http://www.aljazeera.com/indepth/opinion/2015/02/chapel-hill-shooting-western-media-bigotry-150211083909613.html

http://www.independent.co.uk/voices/comment/chapel-hill-shooting-the-latest-act-of-terror-has-just-been-committed-in-america-but-the-media-has-ignored-it-because-the-victims-were-muslim-10038624.html

http://www.democracynow.org/blog/2015/2/11/muslim_lives_matter_outrage_grows_over

Western Apologies

http://www.solidarity-us.org/site/node/4354

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2 thoughts on “#JusticeForMuslims… Die politische Message an unsere Generation

  1. Es selamu aleikum Ukhti,

    möge allah dich für deine Mühe belohnen. Ein mit Herzblut geschriebener Artikel. Ich selber habe zu den genannten Thematiken ( insbesondere Institutioneller Rassismus, Injustice etc. ) Material, welches man auch einbringen kann.
    Vielleicht wäre in diesem Zuge ein Austausch sehr sinnvoll.

    Vesselâm

    1. Alaikumsalam,

      vielen lieben Dank für das Feedback!
      Austausch finde ich immer schön & freue mich immer über neues Material. Vielleicht hast du sogar mal Lust, etwas für den Blog zu schreiben?
      Ich lasse dir mal eine Mail zukommen 🙂

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