Identitäts-Diktaturen. Who´s identifying whom?

In den letzten vier Wochen durfte ich Bachelor-Arbeiten von zwei Freundinnen zu Identitätskonstruktionen Korrektur lesen. In beiden drehte es sich immer wieder um zwei Soziologen, die mir bereits zu Beginn meines Studiums sympathisch waren. Mead und Goffman. Noch bevor ich überhaupt angefangen hatte mich mit postkolonialen Studien, Rassismus und Critical Whiteness auseinanderzusetzen konnte ich, aufbauend auf meinem Erfahrungswissen ( vielleicht ein möglicher Kompromiss der bei Kilomba auftauchenden Dichotomie “Wissen vs. Erfahrung”?) sehr gut an die Konzepte der Identitätskonstruktionen in Verbindung mit Fremdbildern anknüpfen. Die Verbindungen die ich herstellte, waren die mir von außen herangetragenen “Rollenideale” als Muslima. Eine meiner ersten Hausarbeiten trägt den Titel “Zwischen den Identitäten”.

Rückblickend lässt sich sagen, ja. Unsere Identitätskonstruktionen waren uns schon immer sehr viel präsenter als jene von weißen Menschen. Sie mussten sich um eine Kategorie weniger Gedanken machen. Sich in vielen Punkten nicht positionieren, erklären, und auch keinen allzu großen Spagat zwischen zugeschriebenen und selbstbestimmten Eigenschaften machen. Jedenfalls keinen, der im gesellschaftspolitischen Diskurs solch eine Rolle einnehmen würde.

Was wir da gar nicht gebrauchen können? Safe Spaces, in denen uns erneut Identitäten diktiert werden. Ich habe auf eine Person of Color, die mir das Deutschsein aufdrängen will genauso wenig Lust wie auf eine weiße, die mich danach ausquetsch wo ich den “wirklich” herkomme. Genauso wenig möchte ich aber, dass einer Person of Color ihr Deutschsein abgesprochen wird.

Das Empowernde an Selbstdefinitionen liegt doch in erster Linie darin, dass es eine Aneignung dessen ist, wie der Mensch sich beschreibt, definiert und benannt werden möchte. Gerade Safe Spaces dürfen daher nicht zu Orten werden, wo die empowernde Selbstdefinition der einen Person zur Fremddefinition der anderen wird. Seit etwa zwei Wochen taucht dieser Diskurs nun vermehrt in meinem Alltag auf.

 Für die einen ist es Deutschsein, für die anderen “die Türkin”

“Dir wurde das Deutschsein immer abgesprochen, und du nimmst das einfach an. Du fügst dich dieser Ausgrenzung!” Ein Vorwurf? Eine Reaktion? Vielleicht einfach nur die Artikulation des eigenen Empowerments? Wir saßen da nun also in unserem exklusiven PoC Raum und handelten Identitäten aus. Dass ich kein Interesse daran habe, mich als “deutsch” zu definieren wurde von meinem Gegenüber als ein Fehler empfunden.  Der People of Color Begriff ist so aushandelbar, dass wir uns der Vielfältigkeit innerhalb dieser Begriffswelt bewusst sein müssen. Ich glaube nämlich nicht, dass Empowerment sich lediglich dadurch ergibt, dass wir rassistische oder exkludierende Begriffe vermeiden, sondern  dass wir Menschen ihre selbst gewählten Definitionen zugestehen. Der Tochter von türkischen Gastarbeitern, die zur türkischen Sprache einen früheren Bezug hatte als zur deutschen, deren Verwandte alle in der Türkei leben, die die Türkei regelmäßig besucht und ein sehr starkes Verhältnis zu ihrer türkischen Seite hat, sollte man nicht abverlangen, sich ausschließlich als Deutsche zu definieren. Vor allem nicht, wenn es das war, was ihr immer abverlangt wurde. Deutsch zu sein, sich “anzupassen”. Dann besteht das Empowerment dieser Person vielleicht darin, dass sie sich als Deutsch-Türkin, Türkin, oder lediglich Person of Color bezeichnet. Sich dem “Deutschsein” als eine von außen an sie herangetragene Erwartung zu entledigen, kann ihre Selbstdefinition sein. “Deutschsein”, kann ihr Unwort sein. “Deutschsein”, kann sie triggern, weil es sie an Assimilierungspolitik erinnert.

Für eine Schwarze Person hingegen, deren Eltern und Großeltern in Deutschland geboren sind, und die zu keinem anderen Land einen Bezug hat als Deutschland, kann Deutschsein die selbstverständlichste Selbstdefinition darstellen. Sie hat es einfach nur satt aufgrund phänotypischer Merkmale aus dem Deutschsein ausgeschlossen zu werden. Sie sieht die Lösung des Problems vielleicht darin, das Konstrukt von Deutschsein=Weißsein aufzubrechen.

Eine Woche später. Selber Raum, andere Leute. “Eigentlich ist es ja nur eine Nation. Aber es hat sich immer wie eine Beleidigung angefühlt, wenn ich als “die Türkin” bezeichnet wurde.” Und hier wurde es mir erneut greifbar. Die Problematik besteht in erster Linie an den von außen an uns herangetragenen Begrifflichkeiten. Und wieder war ich gedanklich bei meinen Soziologen.

 

Who´s identifying whom?

Goffman schreibt unter anderem, dass Individuen eine emotionale Bindung an ihre Selbstbilder haben. Dass Fremdbestimmungen, die einen Entzug dieser Selbstbilder, des eigenen Image von sich Selbst darstellen,  schmerzhaft für jene Individuen sind. Wir hängen emotional an unserem >Ich<, und jede Fremdbestimmung entreißt uns dieses >Ich<. Ähnlich geht auch Fanon vor, wenn er von Alltagsrassismus schreibt:

„What else could it be for me but an amputation, an excision, a hemorrhage that spattered my whole body with black blood?“

Grada Kilomba greift in “Plantation Memories. Episodes of Everyday Racism” dieses Zitat Fanons auf und führt dies weiter aus. Auch sie beschreibt Rassismus hier als körperliche Erfahrung. Das Individuum, so Kilomba, wird in rassistischen Situationen operativ und gewaltvoll von seiner eigentlichen Identität/Selbstbild getrennt.

Bei dem  1.Bundeskongress der neuen deutschen Organisationen erwähnte Aladin El-Mafaalani ein Experiment, das in den USA durchgeführt wurde. Hier habe man getestet wie PoC reagieren, wenn sie per Fremdbestimmung (weißer Mann; hier spielt die Machtasymmetrie und Deutungshoheit eine erhebliche Rolle) als A) Amerikaner*innen angesprochen werden, B) als PoC (in dem Experiment Chinesen) angesprochen werden oder aber C) auf die Initiierung einer Selbstdefinition gewartet wurde. Die Ergebnisse waren dahingehend, dass die beiden ersten Fälle gleichermaßen das Gefühl von Diskriminierung bei den Versuchspersonen auslösten.

Inklusion, Exklusion & das was übrig bleibt

PoC haben unterschiedliche “Begriffs-Historien”. Sie wurden auf unterschiedliche Weise, mit unterschiedlichen Begriffen fremdbestimmt und fühlen sich entsprechend von ganz unterschiedlichen Begriffen getriggert und einem Othering ausgesetzt. Es ist nur menschlich, dass ich als PoC selbst bestimmen möchte, wann, welche Identität von mir zu tragen kommt. In welchen Räumen ich mich mit welchen meiner unzähligen Identitäten einbringen möchte. Vor allem in Safe Spaces, in Räumen wo Diversity angestrebt und Inklusion groß geschrieben wird, müssen wir uns für die Vielfältigkeit und Richtigkeit dieser differenzierten, multiplen Identitäten sensibilisieren.

Weder Deutschsein, noch irgend eine andere Bezeichnung dürfen als allgemein gültige Selbstverständlichkeiten den Raum einnehmen und PoC die Eigeninitiative in ihrer Selbstbezeichnung entreißen.

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5 thoughts on “Identitäts-Diktaturen. Who´s identifying whom?

  1. Ich finde den Text gut, denn er spricht vieles aus, was sich andere oftmals nicht zu sagen trauen oder keine Worte dafür finden.
    Ich kann die Kritik des Artikels gut nachvollziehen, teile sie allerdings trotzdem nicht.
    Wenn alle Menschen das gleiche Problem haben ( Diskriminierung, Fremdbestimmung,…), dann ist mensch zusammen einfach stärker. Ich finde es daher sinnvoller für die individuelle PoC, wie aber auch für alle PoC, wenn sie sich zusammenschließen und ihre Probleme gemeinsam angehen. Dieser Zusammenschluss ist natürlich auch eine kollektive Identität. Gäbe es keine gemeinsame Identität, dann würden manche sich beanspruchen Türken genannt zu werden und manche würden eben genau für sich beanspruchen Deutsche genannt zu werden. So kann Mensch keine gemeinsame Lobbyarbeit machen. An der Fremdbestimmung wird sich dadurch zwar erstmal nicht so viel ändern, denn Mensch wird nun von der Widerstandsgruppe fremdbestimmt, wohl aber an der Diskriminierung. Sich fremd bestimmen zu lassen um gemeinsam effektiver gegen Diskriminierung zu arbeiten finde ich das kleinere Übel als sich selbst zu bestimmen, aber trotzdem weiterhin von anderen fremdbestimmt zu werden UND nichts gegen Diskriminierung tun zu können, weil Mensch keinen gemeinsame Identität und keinen gemeinsamen Nenner findet.

    1. Hallo N.H,

      ich hatte bereits vor einigen Tagen eine Antwort auf deinen Kommentar verfasst, nur leider hat dann mein Internet den Geist aufgegeben. Ich probiere jetzt noch einmal meine Gedanken einigermaßen zusammen zu kriegen 🙂
      Ich finde deinen Einwand sehr wichtig & richtig! Danke in erster Linie dafür. Denn das eröffnet Diskussionen und genau deshalb teile ich meine Gedanken ja.

      Ich denke jetzt mal lediglich laut nach und muss da vielleicht auch noch mal die ein oder andere Position revidieren. Das wird sich dann zeigen 🙂 Also den People of Color Begriff empfinde ich aktuell wie ein Dach, das weitere Selbstdefinitionen sammelt/bündelt. Eine Schwarze Person kann z.Bsp. Schwarz & Person of Color sein. (Bei Stuart Hall wird sogar der Begriff Schwarz wie ein Synonym zu PoC genutzt,was vielleicht etwas zu utopisch für unsere Kontexte ist. Jedoch hat es diesen Begriff in anderen Resistance Kontexten gegeben und er hat super funktioniert). Ich kann bspweise auch sagen ich bin Türkin, oder ich bin Deutsche, oder Deutsch-Türkin und Person of Color. Ich kenne zum Bsp. auch keine Person die sich Afro-Deutsche nennt und von sich behaupten würde, dass sie weiß ist. Das wir alle nicht weiß sind in dem westlichen Kontext, macht unser PoC-sein ja aus. Das sind diese gemeinsamen Erfahrungen mit Rassismus, die uns zu PoC machen. Also frage ich mich gerade, ob der PoC Begriff ein omnipräsenter Begriff sein muss/kann? Und ob das andere Selbstdefinitionen ablösen muss/kann?

      Darüber hinaus muss man viele Menschen auch dort abholen, wo sie sich gerade befinden oder? Ich denke bspweise an einen Malcolm X und seine Empowerment Arbeit.Je gestärkter und selbstbewusster unsere Leute sind, desto stärker ist unsere Lobbyarbeit. Und Rassismus h macht ja nicht nur politisch etwas mit uns, sondern auch pychologisch. Ich kam bspweise sehr lange nicht darauf klar, wenn sie PoC als Deutsche definiert haben, bis mir eine PoC ganz klar den Stempel “Deutsche” aufgedrückt hat. Das war für sie so selbstverständlich, wie es für mich andersherum (dass sie keine Deutsche ist, weil sie nicht als Deutsche gelesen wird) selbstverständlich war. Nun stellt sich die Frage, habe ich diesen Artikel nur so geschrieben, weil ich diese Erfahrung gemacht habe? Oder musste ich diese Erfahrung machen, um diesen Artikel schreiben zu können?
      Vielleicht ist es zu bestimmten Prozessen wichtiger, dem Gegenüber sein Selbstbild zu lassen und einfach nur an das Wissen um Rassismus und postkoloniale Theorien heranzuführen. Vielleicht ist es, um eine starke Verbündete im Gegenüber zu haben, ihr nicht auch noch zu sagen, was sie nicht ist oder was sie ist.

      Anyways.Ich freue mich sehr auf deine Gedanken!! Danke & Liebe Grüße

  2. Sehr cooler Artikel – danke dafür!
    Ich interessiere mich sehr für Identitäten und Identitäsbildung. Sowie ich raus lesen konnte aus einigen deiner Artikel (und deinem Vortrag in KA die Woche – übrigens auch sehr cool) kennst du dich damit sehr gut aus. Kannst du mir evtl. Literaturvorschläge (nur deutsch) machen über dieses Thema vllt. mit dem Schwerpunkt bei Kindern und Jugendl. sowie “Migranten”? Ich danke dir im Voraus. 🙂 LG, wslm

    1. Hey Esim,

      vielen Dank für dein Feedback!! Warst du bei dem Vortrag in KA? ^^ Zu den dir genannten Themen würde ich auf Amazon oder Google mal einfach folgende Autor*innen suchen:

      – Karim Fareidooni
      – Aladin El-Mafaalani
      – Maisha Eggers
      – Paul Mecheril

      Die machen sehr viel zu Rassismus und Identität bei Jugendlichen, vor allem auch im schulischen Kontext.
      Wslm 😉

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