Von der Fetischisierung der Meinungsfreiheit& dem Wahnsinn der Selbstverteidigung

Diesen Blog-Eintrag habe ich gefühlte hundert Mal gelöscht und neu angefangen. Und ich glaube diese Erwähnung ist der beste Anfang für diesen Eintrag. Am Tag des Angriffes auf die Redaktion des Magazins Charlie Hebdo ist viel in mir vorgegangen. Ich konnte bis vier Uhr Nachts nicht schlafen und habe versucht meine Gedanken nieder zuschreiben, doch ich konnte nicht. Und das war okay so.

Wir müssen uns zunächst einmal als Menschen Gefühle und intuitive Reaktionen zugestehen. Wichtig ist es nur, nicht immer rein aus diesen ersten Gefühlen heraus zu handeln. Leider haben das viele getan. Beispielsweise in dem sie sich in ihrem Schock ganz verzweifelt im Namen des Islam und der Muslime (welcher Muslime frage ich mich?) von der Tat distanzierten.

Und ich bin auch froh, dass es bereits sowohl im englisch- als auch im deutschsprachigen Raum von Muslimen und nicht-Muslimen sehr gute Artikel dazu gab, warum sich Muslime nicht von etwas zu distanzieren haben, womit sie fälschlicherweise (Fremdbestimmungen & Kollektivierungen ahoi!) in Verbindung gesetzt werden. Und auch darüber, warum die Arbeit von Charlie Hebdo nicht einfach “nur Satire” ist, sondern durch rassistische Stereotype (die immer mit kultureller Hegemonie auftreten) zur Fortführung der Dehumanisierung und Rassifizierung von gewissen Menschen beiträgt.

Daher möchte ich hier einige empfehlenswerte Artikel, Tweets und Facebook-posts teilen. Um nicht das Selbe zu wiederholen, möchte ich auf jene Punkte eingehen, die ich aus meinem Standpunkt heraus noch erwähnenswert finde.

*Contentwarnung: weiter unten werden  rassistische und gewaltverherrlichende Cartoons von Charlie Hebdo abgebildet.

 

 

10906092_10152627150193450_4792339226671009259_n 10896903_10152627150038450_5428982333329301456_n 10550899_10152627149983450_5881009713228075928_n

Die Zeichnungen besagter Redaktion sind nicht ´nur´ deshalb scheiße, weil sie den Propheten Mohammed (s.a.w.) dargestellt haben, und deswegen die spirituellen Gefühle von Muslimen verletzen. Es mag sein, dass sich einige von jeglicher Darstellung des Propheten angegriffen fühlen.Das ist jedoch nur eine Perspektive.

Die Karikaturen des islamischen Propheten sind erniedrigend, gewaltverherrlichend und kreieren eine Darstellungstradition, die eine Propaganda gegen die Werte und die religiösen Gefühle von Muslimen darstellt. Die Kritik an der Agentur geht jedoch weiter.

Diese Agentur hat sehr viele Cartoons veröffentlicht, in denen Muslime, muslimisches Leid, Schwarze Menschen, Schwarzes Leid in die Lächerlichkeit gezogen und banalisiert wurde. Es handelt sich um Darstellungen, die rassifizierte und marginalisierte Menschen dehumanisieren und somit einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, dass sich Menschen im Westen (in dem spezifischen Fall jene der französischen Gesellschaft) nicht mit diesen Menschen identifizieren. Sie sind eine Widerspieglung dessen, wie diese Menschen, ihr Leid und ihre Tode behandelt werden. Und im Sinne einer Reziprozität auch weiterhin betrachtet und behandelt werden.

2112343_orig 4686833_orig 9396614_orig 766752_orig

 

Die Aktivistin Harsha Walia aus Kanada postete auf Facebook:

“In condemning the killings at Charlie Hebdo, can we please not forget that it’s a racist publication, that attacks on certain religions are racialized (and hence are racist attacks), that free speech/satire is not a sacred cow (especially when it becomes violent, hate speech), and that the backlash that will ensue will disproportionately target certain communities for scrutiny and surveillance (in the context of ever-rising anti-Muslim backlash in Europe under the guise of state/racialized secularism and anti-migrant sentiment). This is not to justify the murders (obviously), but this publication should continue to be condemned and not suddenly be let off the hook (like how the hell is there suddenly social license to reproduce their racist images as some kind of gesture of ‘solidarity’?), and to be vigilant about the rationale that the state will deploy for further enacting violence.”

 

 In einem Artikel heißt es: “Free speech is an important part of our society, but, it should always go without saying, free speech does not mean freedom from criticism. Criticism IS speech – to honor “free speech martyrs” by shouting down any criticism of their work is both ironic and depressing.”

Quelle: http://www.hoodedutilitarian.com/2015/01/in-the-wake-of-charlie-hebdo-free-speech-does-not-mean-freedom-from-criticism/

In diesem speziellen Kontext möchte ich dieses Video gerne an Muslime in Europa adressieren. Muslim people tend not to understand propaganda:

 

Die Negierung macht das in Verbindung-Setzen nicht rückgängig

Vorsicht mit den ´Solidaritäten´. Viele gehen einfach nur nach hinten los. Ein Satz wie “Nicht nur Frauen stehen auf Schuhe” suggeriert zunächst einmal, dass es vor allem Frauen sind die auf Schuhe stehen. Oder, dass es bei ihnen eher vorkommt, als bei Männern. Deswegen bedeuten Sätze wie “Nicht alle Muslime sind Terroristen”, so sehr das sich für einige auch wie ein Kompliment anhören mag, dass eine wahrscheinlichere Verbindung zwischen Muslimen und Terrorismus herrscht, als zwischen anderen Menschen und Terrorismus. Dies liegt mitunter daran, wie Terrorismus – vor allem im globalen Kontext – über Jahrhunderte hinweg definiert und propagiert wurde. Daran, wie über Jahrhunderte hinweg gewisse Menschen rassifziert, generalisiert und kollektiviert wurden und andere nicht. Daran, dass Kolonisierte markiert wurden und Kolonialherrscher nicht.

Daran, dass Widerstände als >>Aufstände<< und >>Terrorismus<< definiert wurden. Von wem? Von jenen denen die Macht des Diskurses und der Produktion und Reproduktion von Geschichte und dem Wissen um Geschichte obliegt. Dieses System des White Supremacy, der Hegemonie, des Imperialismus, ist etwas so mächtiges, dass Kriege darüber legitimiert, Widerstände gebrochen, und Solidaritäten geteilt werden. Und auch mit all den negierenden Diskursen wurden in erster Linie wieder Muslime und der Islam mit einem Attentat in Verbindung gebracht.

Und gerade deshalb müssen wir als als jene, die eigentlich an der ´Quelle´ sitzen, unsere Fähigkeiten, Privilegien und Zugänge dazu nutzen, diese Diskurse zu prägen und zu verändern. Stattdessen wollen wir einfach nur unsere Ruhe. Rahatınız batsın!

Was ich einfach nicht akzeptiere sind Menschen, die diese berechtigten Kritiken im Keim ersticken wollen, indem sie sagen, dass man mit jenen Diskursen den Tod von Menschen politisiere. Willkommen in der Realität. Das Ganze wurde in der ersten Sekunde zu einem politischen Diskurs, aber wir dürfen nicht auf die gefährlichen Dichotomien hinweisen, die hier wieder bedient werden? Smells like the silencing mask for me (seriously you need to read Kilombas “Plantation Memories. Episodes of Everyday Racism”.)

Nein, stattdessen sollen wir bitte weiterhin die Rolle spielen, die White Supremacy für uns angedacht hat. Distanzieren, entschuldigen, uns gegenseitig dämonisieren und uns mit Charlie identifizieren.

Ich stelle mir das Ganze wie ein Ballspiel vor. Ich bin mit den ganzen Spielregeln nicht einverstanden. Also warum soll ich den Ball der mir zugeworfen wird fangen und mich auf das Spiel einlassen? Soll der Ball mal schön an mir vorbeirollen.

>>Der Westen<< und sein Anderes

Iman Attia schreibt in ihrer Arbeit >>Der Westen<< und sein anderes sehr schön darüber, wie Dichotomien zwischen >>dem Westen<< und >>dem Islam<< (Eine Geographie wird einer Religion gegenübergestellt, da beginnt die Absurdität) produziert und reproduziert werden. Von Anfang an wurden in jeglichen Diskursen diese Dichotomien immer wieder bedient. Wir kennen das ja schon auswendig. Wenn weiße Menschen morden, sind sie psychisch Krank. Wenn es PoC tun, steht es in irgendeiner Verbindung mit ihrer Hautfarbe, ihrer >>Kultur<< oder ihrer Religion.

10924798_427042964120293_4714053527286096866_n

Und wir fahren alle voll drauf ab. Einige distanzieren sich, andere verteidigen die Muslime, andere reden von >>unserer Freiheit<< ( diese >>Freiheit<< besteht in erster Linie darin, mit der hegemonialen Position der weißen Wissens- und Darstellungstradition marginalisierte Menschen weiterhin fremdbestimmen und repräsentieren zu dürfen), und alle spinnen sie weiter im Rädchen der absurden Dichotomien.

Aus diesem Teufelskreis werden wir nicht ausbrechen, ehe wir die Gründe und Mechanismen erkennen und anfangen zu dekonstruieren. Wieso sind bestimmte Darstellungsweisen gesellschaftliche Normen? Wer produziert Wissen über wen? Wessen Wissen wird als Wissen anerkannt? Woran liegt es, dass Schwarze, PoC, Muslime in ihren schlechten Taten kollektiviert, in ihren guten Taten aber zur Ausnahme emporgehoben werden?

Could we all please read some postcolonial literature?! Please?!

 

Zu wem reden unsere muslimischen public figures eigentlich?

Auf wessen Bedürfnisse und Fragen und Sorgen gehen wir eigentlich ein in all den Diskursen? Ich will hier keineswegs von >>den öffentlichen muslimischen Stimmen<< in Europa reden. Ich habe für meine persönliche Erleichterung sehr viele kritische muslimische Stimmen wahrgenommen.

Mir ist nur aufgefallen, dass sehr viele in erster Linie an die weiße Mehrheitsgesellschaft gewandt reden. Und das auf eine Art und Weise, die all die muslimische Arbeit in Deutschland für ein Islamverständnis, das unsere internen Probleme zu lösen vermag arbeiten, ausblendet. Es wird so getan, als gebe es diese Arbeit nicht, nur weil sie der weiße Mainstream Diskurs nicht sieht. Dann wird davon geredet, dass die Muslime in Deutschland eine Opferrolle einnehmen. Mit Verlaub, die Opferrolle sehe ich eher bei jenen, die all diese Rassismen und Fremdzuschreibungen internalisieren und einen Widerstand gegen diese als Opferrolle abstempeln. Bei jenen, die sich als die “selbstkritische” Stimme unter den Muslimen darüber profilieren mit dem Finger auf ihre Geschwister zu zeigen und ihnen den Widerstand an Diskursen die nur so nach White Supermacy stinken, absprechen. Hört auf zu meckern, verändert euch erstmal heißt es dann. Ganz gleich, wie sehr diese Arbeit bereits innerhalb muslimischer Communities schon betrieben wird.

Warum wird >>über<< die Muslime zu den nicht-Muslimen geredet, anstatt mal aufzuhören über >>die Muslime<< zu meckern und sich lokal dort einzubringen, wo man Lücken sieht?

Was für Signale senden wir eigentlich an die jüngere Generation der Muslime in Deutschland? Sind wir für sie, oder zeigen wir nur wie der Rest der Gesellschaft mit dem Finger auf sie? Bemühen wir uns darum, diese aufzufangen, oder prangern wir sie lieber an? Wessen Bedürfnisse überwiegen? Mit wem solidarisieren wir uns? Mit den Marginalisierten, die sich nicht selten in einem systematischen Teufelskreis von strukturellem Rassismus, fehlender Bildung und sozialer Ausgrenzung befinden, oder mit jenen, die immer wieder nur die Marginalisierten zum Diskurs machen, anstatt die weiße Beobachter*innenposition mal in Frage zu stellen?

Das Klima des gesellschaftlichen Miteinanders werde durch solche Attentaten vergiftet hieß es auch. Diese Aussage finde ich schwierig. Kommt natürlich darauf an, ob wir trotz struktureller und instituioneller Diskriminierungen von Menschen in Deutschland uns als Individuum eher bei jenen verorten, die es ein wenig besser, oder ein wenig schlechter haben. Ist das Klima erst vergiftet, wenn ein paar Leute ausrasten und weiße Leben bedroht sind? War es es nicht bereits vergiftet, als die Politik sich einen Scheiß um das Leben der Geflüchteten der Refugee-Schule in Berlin gekümmert hat? Warum schaffen wir es eher, uns gegen Vorwürfe zu verteidigen, als Ungerechtigkeiten anzuprangern?

 

“The future belongs to those who prepare for it today.” Malcolm X.

Mit welchen Bausteinen (Diskursen) bauen wir uns eigentlich gerade die Zukunft? Eine, in der uns so viel Schuldgefühl aufgeladen wird, dass wir nur noch froh darüber sind, nicht schon wieder ins Fadenkreuz zu geraten und deshalb auch lieber nicht zu viele Ansprüche erheben?  Entspricht das der Zukunft in der wir leben wollen? Ich finde als Muslime in Europa müssen wir verzerrte Gespräche um ´Meinungsfreiheit´ als Diskurse wahrnehmen, in denen wir mit der kolonialen Mentalität brechen müssen. Kulturelle Hegemonien, die asymmetrische Machtkonstellation in Diskursen, Diskurse in denen wir uns zu etwas äußern sollen, dessen Rahmenbedingungen von eurozentristischen, ne-kolonialen Perspektiven gesetzt wurden. Ein Bill Maher ist beispielsweise der Meinung, dass man solange den islamischen Propheten öffentlich beleidigen solle, bis die Muslime darauf klar kommen. Diese Mentalität wittere ich in den Diskursen, die uns die Kritik an rassistischer Hetze verbieten wollen, indem sie uns das versuchen als ´Meinungsfreiheit´ aufzubinden.

Damit zu brechen sind wir nicht nur uns selbst als Muslime in Deutschland schuldig, sondern auch allen Schwarzen Menschen und PoC in Europa, die sich seit Jahren in ihrer anti-rassistischen Arbeit um die Aneignung ihrer eigenen Deutungsmacht bemühen und versuchen weiße Wissensarchive und Maßstäbe zu überwinden.

Diese ganze Angelegenheit ist nicht nur auf die Situation der Muslime und PoC in Deutschland übertragen von Relevanz. Sollten wir nicht an ein wenig mehr denken als unsere privilegierten PoC Ärsche im Westen, die sich leider noch viel zu oft nur darum bemühen ein Stück vom europäischen Kuchen zu haben? Mir bleibt dieser Kuchen im Halse stecken, wenn ich an marginalisierte Menschen in anderen Ländern denke. Vor allem, wenn wir doch gerade unsere Marginalisierung und Rassifizierung in dem vergleichsweise sehr sicheren Deutschland mit ein wenig Transfer dazu nutzen sollten, Empathie aufzubauen und uns zu solidarisieren. Aber hey, wir sind ja so rebellisch, weil wir an diversen Demos teilnehmen…

“If you are silent about your pain, they’ll kill you and say you enjoyed it.” – Zora Neale Hurston

In diesem Sinne,preach brother Sukant:

 

 

 Literaturempfehlungen meinerseits:

Attia, Iman: Der Westen und sein Anderes

Bhabha, Homi: Brown Skin White Masks

Fanon Frantz: Black Skin White Masks; The Wretched of the Earth

Kilomba, Grada: Plantation Memories. Episodes of Everyday Racism

Said, Edward: Orientalism, Culture & Imperialism

Spivak, Gayatri: Can the Subaltern Speak?

Sow, Noah: Deutschland Schwarz-Weiß

Advertisements

2 thoughts on “Von der Fetischisierung der Meinungsfreiheit& dem Wahnsinn der Selbstverteidigung

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s