Zum Jahreswechsel liebes Deutschland: Danke, aber nein danke….

“Why do I write? ´Cause I have to. ´Cause my voice, in all it´s dialects, has been silent too long.” Jacob Sam-La Rose

Ich sehe es nicht ein, dass ich nach 24 Jahren Identitätskonstruktion in einem Land, das mich immer zu seinem >Anderen< gemacht hat, vorsichtig dabei sein muss, wie ich das gesellschaftliche Unterdrückungssystem kritisiere, damit sich weiße Menschen, die sich eben mit jenem System identifizieren (oops. Gotcha!) nicht angegriffen fühlen.

Ich sehe es nicht ein, dass die systematische Konstruktion meines >Andersseins< etwas ist, dem ich mich nicht einfach entziehen kann, und mir gleichzeitig Separation vorgeworfen wird, weil ich den Blick auf Weißsein richte.  Ich sehe es nicht ein, dass die normierende Position des Weißseins seine systematische Macht der Produktion und Reproduktion von Unterdrückungsverhältnissen unbeobachtet, ja gar unsichtbar fortführen kann.

I am watching you Big Brother!

(…) Weiß-Sein erscheint in diesen Thesen nicht als etwas, das qua Natur definiert und auf die Hautfarbe beschränkt ist – als ein wissenschaftliches oder gar wertneutrales Konzept -, sondern als ein soziales Konstrukt; d.h.: Weiß-Sein ist nicht etwas objektiv Vorgegebenes, das man nur lange genug beforschen muss, um es zu erkennen, sondern es wird durch die unterschiedlichen gesellschaftlichen Praxen erst hergestellt. Es symbolisiert ein Machtsystem, beschreibt die Linien von Ausgrenzung und ist auch mit anderen sozialen und politischen Konstruktionen wie Klasse, Geschlecht, Nation, Religion etc. verknüpft.

(…) Für Weiße ist Weiß-Sein in der Regel kein Thema. (…) >>Außer für hart gesottene Rassisten bedeutet Weiß-Sein die Wahl zu haben, sich mit dem eigenen Weiß-Sein auseinander zu setzen, oder es zu ignorieren.<< Das ist Schwarzen nicht möglich. Für sie ist sowohl Weiß-Sein als auch Schwarz-Sein ein Thema, weil Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen ihr Leben prägen. Wenn Weiß-Sein kein Thema für Weiße ist, nach dem Motto – >>Wir sind doch alle Menschen<< – dann dürfte Schwarz-Sein für sie ebenfalls nicht markiert sein. Hier finden wir eine interessante Inkongruenz. Von der Weißen Position aus wird Weiß-Sein nicht wahrgenommen, während Schwarz-Sein bedeutungsvoll ist und thematisiert wird – jedoch ohne Bezug zum Weiß-Sein. Man könnte auch sagen >>scheinbar<< ohne Bezug, denn was wir hier an unseren Wahrnehmungs- und Denkprozessen erleben, wird in der angloamerikanischen Literatur als Transparenzphänomen von Weiß-Sein beschrieben. Weiß-Sein entleert sich seines Inhaltes, seiner historischen Bedeutungs- und Wirkgeschichte, unterliegt einer >>sozio-historischen Amnesie<<, bei der die Ungerechtigkeit in der Beziehung zwischen Weißen und Schwarzen zum Schweigen gebracht wird, und verwandelt sich unter der Hand unbemerkt zu einem unbestimmten neutralen Referenzort. An und von diesem Ort aus spricht, fühlt und denkt nicht mehr eine Weiße Person, sondern der Mensch schlechthin. Diese Art der Transormationskonstruktion ist uns hinlänglich aus feministischen Analysen bekannt: Die Mutation des Mannes zum >>Menschen<< – zum Allgemeinen – zur Norm, an der Frauen gemessen und über die sie bestimmt werden.

Ein Beispiel aus der Psychologie mag diese Situation – die Bedeutungsentleerung des Weißseins und seine Wiederkehr als allgemeines referenzielles Prinzip verdeutlichen. So finden wir z.B. in der psychologischen Forschung ein sog. Zwei-Personen-Modell. Normalerweise werden die Versuchspersonen durch alle möglichen Parameter wie z.B. Geschlecht, Klasse etc. kategorisiert. Gehören der beforschten Gruppe Schwarze an, so wird diese Variable thematisiert, setzt sich die beforschte Gruppe jedoch aus Weißen zusammen, so wird meist kein Bezug darauf genommen. Und sind die ForscherInnen Weiß, dann steht ihr Weiß-Sein in keiner Beziehung zu ihren Hypothesen oder zum Forschungsdesign, während das Schwarz-Sein der beforschten Personen mit großer Wahrscheinlichkeit Einfluss auf die Überlegungen der ForscherInnen hat. (…) Weiß-Sein verschwindet bzw. wird durch Attributierungen wie Alter, Geschlecht, sozioökonomischen Status ersetzt und durch psychodynamische, soziokulturelle und politische Erklärungskonzepte ausgeblendet. Was hier wohl eher unbewusst stattfindet, ist ein Prozess einer Ethnisierung bzw. >>Ent-Rassifizierung<< Weißer deutscher Mehrheitsangehöriger jedoch auf Kosten von Schwarzen: Sie werden immer ethnisiert bzw. >>rassifiziert<<.

Nun ist es jedoch nicht so, dass in unserer Gesellschaft keinerlei Assoziationen und Wissen ums Weiß-Sein existieren. Weiße haben über Generationen und Jahrhunderte Material gesammelt und Konzepte entwickelt, die Schwarz-Sein bzw. Weiß-Sein mit Zivilisation, Intelligenz, Körperlichkeit, Sexualität, Reinheit und Moral verknüpfen. Da die Struktur dieser Konstruktionen dualistisch organisiert wurde, finden wir – und das ist nicht schwer zu erraten – auf der Weißen Seite meist positive Selbstbilder, auf der anderen Seite die entsprechenden Gegenbilder. Da finden wir z.B. auf dem Weißen Pol Entwicklung und Fortschritt, Werte, die die Moderne repräsentieren, auf dem Schwarzen Pol die entgegengesetzten: Unterentwicklung und Stagnation. Und da die beiden Kategorien – wie gesagt- als sich gegenseitig ausschließend, dichotom konzeptualisiert wurden, wurde in der Thematisierung und Beschäftigung mit Schwarz-Sein das eigene Weiße Selbstbild mitverhandelt. Weiße müssen also nicht über sich als Weiße sprechen. Es genügt, wenn sie das Schwarz-Sein thematisieren, weil im Subtext ihr Selbstbild mit dargestellt wird (vgl. Wachendorfer 2006:86-90)

 

Die Kolonisierung und die Aufklärung. Dies sind nur zwei historische Pfeiler der deutschen Identität. Komischerweise wird die Aufklärung fast ausschließlich positiv rezipiert und gelehrt, während die Kolonisierung nicht ausreichend aufgearbeitet wird. Komischerweise zählt das Absprechen der Neutralität im Falle von PoC genau zu jenen kolonialen Denkmustern, mit denen die Dichotomisierung und Dehumanisierung von PoC schon während der Kolonialzeit begann, sehr stark durch die Aufklärung mitgetragen und legitimiert wurde und heute noch fortwirkt. Ich verstehe somit jede Abneigung, westliche Denker wie Kant und Hegel auf ihr kolonialrassistisches Gedankengut hin zu beleuchten und zu kritisieren als einen  Abwehrmechanismus. Die Unterstellung, dass hiermit die gänzliche Vermeidung dieser Werke propagiert werde ist schlichtweg unlogisch und lächerlich, da ich mir nicht vorstellen kann wie Literatur zu analysieren und zu kritisieren ist ohne diese zu lesen.

So wesentlich ist der Unterschied zwischen diesen zwei Menschengeschlechtern [zwischen Weißen und Schwarzen Menschen], und er scheint ebenso groß in Anlehnung der Gemütsfähigkeiten, als der Farbe nach zu sein […]. Die Schwarzen sind sehr eitel, aber auf N.-art und so plauderhaft, dass sie mit Prügeln müssen auseinander gejagt werden. (Kant, Immanuel. Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und des Erhabenen. – In: Kants Werke, Band II, S.53).

 

Anzunehmen, dass Kant ein neutraler, objektiver Wissenschaftler/Denker war und seine Werke als rein wissenschaftliche Texte zu lesen sind, die es in erster Linie nur zu verstehen gilt, stellt für mich nicht annähernd das dar, was ich von kritischen Wissenschaften erwarte. Sicherlich war er ein Kind seiner Zeit, aber genau deshalb müssen seine Werke in dem Kontext dieser Weltbilder gelesen und kritisiert werden. Anzunehmen, dass seine Werke trotz seiner Biographie unabhängig hiervon zu verstehen sind ist keine wissenschaftliche Vorgehensweise.

Im Kolonialismus war es für Weiße selbstverständlich über die Superioritätsposition von Weiß-Sein in uneingeschränkt positivem Sinne zu sprechen, als Legitimation von Unterwerfung und Ausbeutung. Ein gegen jegliche Kritik sich immunisierende, die eigene Höherwertigkeit zelebrierendes Menschen- und Weltbild: Weißen stand das Recht zu, ja ihnen war sogar auf Grund ihres Weiß-Seins die Pflicht auferlegt, andere, hier Schwarze, aus der ihnen zugeschriebenen >>Unterentwicklung<< zu >>erlösen<< im Sinne einer >>zivilisatorischen Mission<<. Die Begründung dieser unterschedlichen Positionen lieferten in erster Linie die abendländischen Weißen Philosophen. So haben z.B. die großen Aufklärer Kant und Hegel das Bild der Überlegenheit von Weißen mitgeformt, indem sie an der Herstellung eines negativen Bildes von Schwarzen arbeiteten. Gudrun Hentges hat die Schriften einer Reihe der bedeutendsten Philosophen der abendländischen Aufklärung und ihre Rezeptionsgeschichte untersucht. Sie stellt fest, dass das dem Emanzipationskonzept der Aufklärung eingeschriebene Gleichheitspostulat eine doppelte Botschaft transportiert: während einerseits Gleichheit als universell postuliert wird, werden andererseits Argumentationsmuster entwickelt, die der Legitimation von Ungleichheit dienten, indem Menschen kategorisiert und hierarchisiert wurden. ( vgl. Wachendorfer 2006:91).

Der koloniale Diskurs hat sich mittlerweile verändert und hat neue Ausdrucksformen angenommen, die Machtverhältnisse zwischen direkt oder indirekt kolonisierten Ländern und >>dem Westen<< bestehen jedoch weiterhin und wirken durch kulturelle Hegemonien und tradierte Denkmuster und Gesetzgebungen etc. fort. Sich selbstbestimmt Person of Color zu nennen ist ein politisches Statement, das auf postkolonialen Widerständen beruht. Ich kann sehr wohl nachvollziehen, dass Menschen, die sich bisher noch nicht damit auseinandergesetzt haben oder sich selbst nicht besonders betroffen fühlen meinen Ton zu ´harsch´ finden, wenn es um diverse Diskurse geht. Ich kann es aber nicht nachvollziehen, dass dieser Ton  per tue als etwas schlechtes deklariert wird.

Ich sehe es nicht ein, dass mir vorgeschrieben wird, wie und wann und in welchem Ton ich meinen Widerstand gegen den Rassismus in diesem Land zu bestreiten haben. Vor allem nicht, wenn der weiße Mainstream stets in Politik und Medien unsere Lebensentwürfe diskutiert. Uns zum Thema, zum Objekt macht und sich hierbei die eigenen Lebensentwürfe normalisiert.

Es sind unsere Körper, unsere Sprachen, unsere Geschichten, unsere Biographien die immer wieder zum  Bestandteil eines objektivizierenden Diskurses gemacht werden. Ich sehe es nicht ein, dass ich mich davon unbeeindruckt lassen soll. Ich sehe es nicht ein, dass ich “cool bleiben” soll, wenn es doch schon wieder so viel gibt, was uns eigentlich zur Weißglut treiben sollte.

Und damit meine ich nicht, dass wir Parolen brüllend die Straßen unserer Heimatstadt ablaufen sollen – und bei Allah, ja. Ich liebe es von meinem Demonstrationsrecht Gebrauch zu machen. Damit meine ich, dass wir unsere Diskurse einnehmen, uns unsere Deutungsmacht aneignen, und nicht einfach nickend in der Ecke sitzen, nur weil unser Aufschrei bei rassistischen Diskursen mit einem “Sei doch nicht so empfindlich”, oder “Ihr könnt gar keine Selbstkritik” ausüben” abgewehrt wird.

Es sind all jene degradierenden Integrations- und Kopftuchdebatten und Maßnahmen gewesen, welche die Fragwürdigkeit von Muslimen, Schwarzen, Sinti, Rroma und anderen PoC in die Mitte der Gesellschaft getragen haben. Sie wurden zur Schaubühne des Skurrilen. Eine politische Freak Show, bei dem sich der weiße Mainstream als Zuschauer in seinen Sessel der >Normalität< zurücklehnt.

Nach all diesen dehumanisierenden Maßnahmen der Politik und Debatten im öffentlich Rechtlichen wundert mensch sich über die bösen HoGeSa, Pegida und co Deppen? Hat mensch sich die Reden dieser Menschen denn nicht angehört? Bedienen sie sich denn nicht genau jener “Integrationsslogans”?

Menschen haben unterschiedliche Wesenszüge. Ich glaube daran, dass bestimmte Wesenszüge sich mit den Talenten der Menschen decken bzw. genau für jene Talente und die Aufgaben, die sie damit verfolgen werden nötig sind. Wichtig ist es nur, dass der Mensch sein Talent entdeckt und diesem nachgeht. Als Muslima sind das Überzeugungen, die eine große Rolle in meinem Leben spielen. Daher empfinde ich als eine große Verschwendung, wenn Menschen sich nicht auf die Suche ihrer Talente begeben. Daran, was mein religiöser Ansporn für eigentlich alles in meinem Leben ist, wurde ich auf dem Ribat in Heidelberg erinnert. Meinen Überzeugungen und meinem Lebensentwurf  liegt zu Grunde, dass Allah mich mit einem Verstand ausgezeichnet hat, das in der Lage ist Wissen aufzunehmen, zu reproduzieren, und über sich selbst zu reflektieren. Dieses Geschenk ist eine Amana. Also sinngemäß ausgedrückt etwas was mir anvertraut wurde. Dies geht jedoch mit der Verantwortung einher diesen Verstand zu gebrauchen, zu reflektieren und seine Talente für eine bessere Gesellschaft einzusetzen. Für Gerechtigkeit einzusetzen. Warum ich das schreibe? ´Cause I have to 😉 Es ist Teil meiner Lebenswelt und ich bin überzeugt davon, dass auch nicht-Muslime von islamisch geprägten Konzepten etwas für sich selbst gewinnen können.

Diverse Themen sollten uns wütend machen. Diverse Themen sollten uns nicht emotional unberührt lassen und schon gar nicht, wenn sie von so essentieller Bedeutung für die Lebensqualität von Menschen sind. And you can´t tell an idealist not to be that angry! Daher reagiere ich mittlerweile sehr allergisch darauf, wenn Menschen – vor allem jene die von diversen Thematiken nicht direkt betroffen sind – mich mit einem “sei doch nicht so empfindlich” in die Ecke drängen wollen. Eine gerechtfertigte Empörung als Befindlichkeit abzutun ist etwas, womit man als Aktivistin und PoC immer, wirklich immer, konfrontiert wird. Oft liegt es daran, dass Menschen ihren Status quo bedroht sehen und darauf mit den typischen Abwehrmechanismen reagieren (hierfür empfehle ich einen Blick in Grada Kilombas “Plantation Memories. Episodes of Everyday Racism” zu tätigen).

Wissen, das nicht dem Mainstream entspricht – und in einem rassistisch tradierten Mainstream in dem Rassismus gesellschaftlicher Normalzustand ist, betrifft das unter anderem anti-rassistisches, anti-koloniales Wissen-, wird mit den unterschiedlichsten Mechanismen abgewährt.

“What a better way to colonize than to teach the colonized to speak and write from the perspective of the colonizer.” Grada Kilomba

Kilomba spricht in Plantation Memories davor wie kolonial geprägte Dichotomien zwischen Weißen und PoC in alltäglichen Diskursen die Anerkennung von Wissen als solches maßgeblich beeinflusst. Wie etwa PoC meist nur für bestimmte Themen herangezogen werden, in denen ihnen eine Expertise unterstellt wird (etwa Muslimen wenn es um islamische Themen geht), ihnen aber gleichzeitig durch “Betroffenheitsvorwürfe” die Neutralität abgesprochen wird. Kolonial geprägte Selbst- und Fremdbilder wirken sowohl in akademischen als auch nicht-akademischen Kontexten fort. Die Frage danach, wer sprechen darf (Spivak) wird bei Kilomba auch danach erörtert, wem zugehört wird. Welches Wissen wird als Wissen anerkannt? Wessen Wissen wird rezipiert und ist gesellschaftlich anschlussfähig?

“Such comments [you are not objective, you are personally involved] function like a mask, that silences our voices as soon as we speak. They allow the white  subject to place our discourses back at the margins, as deviating knowledge, while their discourses remain at the centre, as the norm. When they speak it´s scientific, when we speak it´s unscientific;

universal/specific;

objective/subjective;

neutral/ personal;

rational/emotional;

impartial/partial;

they have facts; we have opinions

they have knowledge; we have experiences.

These are not simple semantic categorizations; they possess a dimension of power that maintains hierarchical positions and upholds  white supremacy.  We are not dealing here with  a “peaceful coexistence of words,” as Jacques Derrida (1981:41) emphasizes, but rather a violent hierarchy that defines who can speak” (Kilomba 2010:28).

They wanna do it their way

Ich sehe es nicht ein, dass eben jener Ausschluss aus der Wissens- und Diskursproduktion, das als Mittel unserer Marginalisierung dient, sich erneut in der Solidarität mit uns auftut. Denn was ich sehe ist White Supremacy. Auf der einen Seite, um uns zu degradieren, auf der anderen um uns zu ´retten´. Auch hier werden sehr stark koloniale Denkmuster zu dem Verhältnis zwischen Weißen und PoC deutlich (der/die aufmerksame Leser*in wird einige frühere Textstellen sehr gut auf diesen Punkt beziehen können).

Was unsere Perspektiven, unsere Realitäten und entsprechend auch unsere Expertise in diesem Feld angeht, steht häufig einzig die Forderung im Raum, sich doch gefälligst helfen zu lassen. Ich lehne jene ´Hilfe´, die mir mindestens genauso suspekt im Deckmantel des “Antirassismus”  erscheint dankend ab, wie ich den Rassismus im Deckmantel der “Demokratie” abwinke. Wenn es um das gut reden der eigenen Ansichten und Forderungen geht, findet jede Ideologie/bzw. jeder Mensch genügend Wege.

Dann haben wir da die NPDler*innen, die sich lediglich als Bürger*inen mit einer starken Vaterlandsliebe verstehen. Die Pegida-Anhänger*innen, die ja bitte nicht in die NPD – Schiene gesteckt werden möchten und lediglich ihren ´Sorgen´ aufgrund eines eben rassistisch, diskriminierenden Denkmusters Ausdruck verleihen möchten. Leute aber, die sich dann eher zu ´No-Fragida´ zugehörig fühlen reflektieren oftmals nicht, wie weitgehend rassistische Denktraditionen sind. Sie stellen sich gegen jene, die sie von ihrem Standpunkt aus als rassistisch demaskiert haben, und entwickeln ein unkritisches Selbstbild, das ihren eigenen rassistischen Umgang mit People of Color ausschließt. Denn, sie stimmen ja immerhin Pegida & Co nicht zu. Denn sie wollen ja ´nur das Beste´ für People of Color. Klingelt da denn nicht irgend etwas?

Damit werden Menschen wie ich, Geflüchtete und ganz viele andere PoC in Deutschland zum einen wie unemanzipierte Infantile behandelt, und zum anderen nehmen sich diese Menschen die Chance auf jede Weiterentwicklung ihres Charakters und einer ernsthaften Arbeit an den eigenen Rassismen. Sie verlagern ihr eigenes Problem ausschließlich auf andere, genauso wie jene gegen die sie auf die Straße gehen.

Einer meiner Lieblingsverse aus dem Qur´ an lautet:

 Gewiß, Allah ändert die Lage eines Volkes nicht, ehe sie (die Leute) nicht selbst das ändern, was in ihren Herzen ist. (…) [13:11]

Ich habe es von Anfang an als wichtiges Zeichen empfunden, dass Menschen gegen Pegida & Co. auf die Straße gehen, doch gerade wenn wir uns Anti-Rassismus auf die Fahnen schreiben müssen wir so unfassbar vorsichtig und selbstkritisch sein. Wie können wir nach der Kolonialzeit und einer unfassbar lächerlichen ´Aufarbeitung´ dessen, dem NS-Regime und einer unreflektierten Sensibilisierung danach erwarten, die omnipräsenten rassistischen Denkstrukturen und Systeme der deutschen Gesellschaft damit außer Kraft zu setzen, dass wir gegen Pegida und Ableger sind? So funktioniert das einfach nicht.

Dann gehen hier und dort Menschen auf die Straße und dabei bleibt es. Und doch wird Rassismus als Problem in ein tendenziell rechtes Spektrum gepackt. Und es ist immer einfacher, andere anzugreifen als an sich selbst zu arbeiten.

Natürlich investiere ich Zeit und Energie in andere Menschen. Natürlich werde ich laut, wenn ich Ungerechtigkeit vernehme, aber bilde ich mir deshalb ein, ich könne Menschen verändern? Ich erhoffe mir vielmehr, dass Menschen sehen, dass ich eben nicht behaupte schon immer für diverse Themen sensibilisiert gewesen zu sein.

Dass ich nicht erst eine Liste von all den idiotischen Sachen die ich bisher getan, gesagt und gedacht habe veröffentlichen muss, damit Menschen sich nicht von meinem Aufschrei angegriffen fühlen und das Gefühl haben, ich würde auf irgend wen herabgucken. Auch wenn ich nicht glaube, dass die Arroganz deines Gegenübers dich – sofern du selbstkritisch bist – davon abhalten darf, deine eigenen Fehler zu erkennen, glaube ich dass vielen Aktivist*innen schon durch ihre bloße Öffentlichkeitsarbeit Arroganz attestiert wird.

Doch warum mache ich dies alles, wenn ich nicht glaube, Menschen verändern zu können? Auch hier kann ich wieder den selben Verweis machen:

 Gewiß, Allah ändert die Lage eines Volkes nicht, ehe sie (die Leute) nicht selbst das ändern, was in ihren Herzen ist. (…) [13:11]

So wie ich in einem gewissen Prozess einen emotionalen und intellektuellen Punkt erreicht hatte, an dem sich immer mehr Wissensarchive und Mechanismen eröffnet haben, hoffe ich etwas bei Personen auszulösen, damit sie für sich selbst die Erfahrung machen, dass sie und was sie an sich selbst verändern müssen. Ich bin nur so harsch zu anderen, wie ich es auch zu mir selber bin.

Denn ich bin überzeugt davon, dass Menschen in ihrer comfort-zone belästigt werden müssen. Dass Dinge sie aufwühlen und ihnen wehtun müssen, damit sie anfangen an sich selbst zu arbeiten. Deswegen betrachte ich all die anti-rassistische Arbeit auch als ein Arbeiten an meinen eigenen Rassismen, den internalisierten Fremdbildern meiner Selbst und trage einen tagtäglichen inneren Dschihad* aus.

Und ebenso erwarte ich einen inneren und äußeren Kampf (damit andere zu ihrem inneren Kampf angeregt werden) von den Menschen in meinem sozialen Umfeld. Das ist in meinen Augen der einzige Weg eine nachhaltige und wirksame Veränderung in der Gesellschaft zu erzielen. In Bezug auf Rassismus heißt es vor allem aber auch, dass weiß positionierte Menschen nicht sämtliche Räume und Diskurse einnehmen, vor allem nicht, wenn es um die Lebensrealitäten von PoC geht.

Es heißt aber auch, es nicht dabei zu belassen gegen etwas auf die Straße zu gehen, sondern systematisch auf etwas hinzuarbeiten. An sich selbst zu arbeiten und zu überlegen, wie ich Plattformen, Diskurse und gesellschaftliche Veränderungen schaffen kann, die rassifizierten Menschen  in erster Linie ihre Selbstdefinitionen gewähren.

Aus einer islamischen Perspektive vertrete ich die Ansicht, dass ein Muslim in erster Linie Mensch sein muss, bevor er Muslim sein kann (dies bezieht sich auf Werke & Vorträge von Mustafa Islamoğlu.). Islamoğlu definiert in seinem Werk (Pasif iyiden aktif iyiye =vom passiven Guten zum aktiven Guten) unter anderem, dass es nach dem qur´anischen Verständnis zwei Sorten von guten Menschen gibt. Die passiven Guten & die aktiven Guten. Die besten unter den Menschen sind jene, die ihren Verstand benutzen und mit diesem Verstand gute Taten vollbringen. Auch diese guten Taten werden ihrerseits in zweierlei untereilt: Hasanat & Salihat. Während Hasanat gute Taten meint, die für die  eigene Person sind ( beispielsweise sich in Tugenden wie Geduld oder Gerechtigkeit zu üben) bedeutet Salihat jene guten Taten, die einen gesellschaftlichen Einfluss nehmen und anderen Personen ebenfalls zu Gute kommen. Nach dem qur´anischen Verständnis sind die besten unter den Muslimen jene, die sich nicht mit Hasanat zufrieden geben, sondern sich um Salihat bemühen.

Wenn nun der Mensch aus islamischer Perspektive so sein muss, und wir nicht Muslime sein können ohne vorher das ´Mensch-sein´ zu erfüllen, was bedeutet das Mitwirken am Guten in unseren Gesellschaften für uns als Muslime? Macht dies vielleicht meinen persönlichen Aktivismus als Gesamtpaket meines Mensch-seins & Muslim-seins aus?

Das ist etwas, was intern in unseren muslimischen Communities immer wieder thematisiert werden sollte. Denn das ist etwas, was dazu beitragen wird unsere Diskurse einzunehmen. Zu lange haben Außenstehende in diesem Land für Muslime & andere PoC geredet. Aus irgendwelchen Gründen haben wir die Mentalität angenommen, die andere Wange hin zuhalten, wobei unser Deen uns vorschreibt einen bestimmten Umgang mit Ungerechtigkeiten und Unterdrückern zu pflegen.

Um auf anfangs angeschnittene Punkte zurückzukommen:

Liebes Deutschland, danke aber nein danke. Redet nicht für >uns<. Lasst >uns< reden. Hört zu. Mit einer selbstkritischen und offenen Einstellung. Vor allem Organisator*innen wie jene von No Fragida müssen offen für Lebensrealitäten von PoC sein. Es reicht nicht einfach aus lauthals zu rufen, dass Rassismus scheiße ist. Auch wenn Merkel es endlich geschafft hat ein Statement zu Pegida & co abzugeben, ist der Rassismus damit nicht besiegt. Worte ohne Taten werden uns kein besseres nächstes Jahr versprechen können.Geschweige denn jenen, die nach uns kommen.

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*Das arabische Wort Dschihad bedeutet “Bemühung” oder “Anstrengung”. Die vollständige Bezeichnung “al-dschihadu fiy sabil-illah” (الجهاد في سبيل الله), wörtlich: „die Anstrengung auf Gottes Weg“ umfasst sowohl äußere als auch innere Aspekte des Menschen. Der “größte oder große Dschihad” [al-dschihad al-akbar oder al-dschihad al-athim, الجهاد الأعظم] ist der Kampf gegen das Schlechte im eigenen Innern. Es geht darum sich in einem inneren Kampf mit dem eigenen Nafs (sinngemäß Ego) zu befinden, um die bestmögliche Version des eigenen Selbst anzustreben.

 

 

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2 thoughts on “Zum Jahreswechsel liebes Deutschland: Danke, aber nein danke….

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