„Wenn Sie Marokkaner wären…

Liebe Leute,

wie einige von euch bereits wissen, möchte ich in diesem Blog nicht nur meinen Diaspora-Erfahrungen Platz geben. Denn ich bin nur eine Person, mit einem ganz individuellen Background, von so vielen.

Wenn ihr Erfahrungen oder Gedanken auf diesem Blog teilen wollt, immer her damit! Kontaktieren könnt ihr mich über Facebook.

Folgender Artikel wurde in gemeinsamer Arbeit von Schwester Dihia, die unter undercover of color bloggt, und ihrem Ehemann verfasst. Er handelt von rassistischer Diskriminierung am Flughafen und einer unfassbar dreisten und ebenso realen Abschiebung (nicht, dass irgendeine Abschiebung nicht dreist wäre) Die französische Original-Version des Artikels kann auf der Homepage von Parti des Indigènes de la République gelesen werden.

“Wenn Sie Marokkaner wären…

hätten wir Ihnen sofort Handschellen angelegt.“ Sagte der Grenzpolizist der PAF (Direction de la Police Aux Frontières d’Orly) vorgestern zu einem Familienmitglied von mir, bevor er ihn vom Flughafen Orly, Paris  zurück nach Algerien auswies. Er, nennen wir ihn Nacer, hatte ein Tourismusvisum für 6 Monate und wollte zwei Wochen Urlaub in Frankreich machen. Nacer hatte über ein Reisebüro in Oran, Algerien, ein Hotel für den Reisezeitraum von zwei Wochen reservieren lassen. Als er in den Grenzbereich des Flughafens kommt, wird er von den Grenzbeamten kontrolliert: Sie rufen das Hotel an, schauen nach den Visumsdaten und ob er genügend Bargeld für seinen Aufenthalt mit sich führt. Doch es scheint etwas mit der Hotelreservierung nicht geklappt zu haben und das Hotel teilt der Polizei mit, dass diese annulliert wurde. Der Polizist legt auf und wendet sich Nacer zu: „Sie haben zwei Probleme: erstens ist Ihre Hotelreservierung ungültig und zweitens reicht ihr Bargeld nicht aus. Sie brauchen 120€ pro Tag und haben nur 900€ bei sich.“ Nacer antwortet: „Ich weiß nicht was mit der Reservierung schief gelaufen ist, das ist sicherlich in doofes Mißverständnis. Ich habe die Reservierung durch ein Reisebüro in Algerien machen lassen. Ich werde mich umgehend um eine neue kümmern.“ Ihm wird geantwortet: „ Nein, nein, das ist kein Mißverständnis. Das ist Betrug. Und ihr Algerier habt bekanntlich ein Problem der Aufrichtigkeit. Auf keinen Fall machen Sie eine neue Reservierung. Sie fliegen umgehend zurück nach Algerien und können dort eine neue machen. Hier nicht. Sie fliegen heute noch zurück. Mit einer gültigen Reservierung können Sie ja wieder kommen.“ Nacer versucht den Beamten zu überzeugen, dass er alle Einreisebedingungen erfüllt, aber es ist nichts zu machen.

Ein Familienmitglied mit französischer Staatsbürger_innenschaft schafft es zu ihm zu gelangen, und versucht der Polizei glaubhaft zu machen, dass eine neue Reservierung sofort gemacht, eine Verpflichtungserklärung ausgestellt und auch Bargeld hinterlegt werden könne. Die Polizei ignoriert dies und bittet die Person sich keine Sorgen zu machen und zwei Stunden später wieder zu kommen, dann sei sicher alles geklärt. Gesagt getan. Nur in dieser Zeit befindet sich Nacer allein und eingeschüchtert im Grenzbereich. Die PAF setzt ihn unter Druck, er müsse ein Papier unterzeichnen, dass seinen Rückflug legitimiert. Mehr Rechte habe er nicht. Nacer reist zum ersten Mal. Hat keine Ahnung was die Beamt_innen dürfen und was nicht. Will keinen Ärger, keine Handschellen. Unterschreibt.  Zwei Stunden später händigen die Beamten Nacers Gepäck den wartenden Familienmitgliedern aus, Nacer bringen sie in die Wartehalte für den Rückflug nach Algier.

Mit dem Gepäck und ohne Nacer wird meiner Family plötzlich klar was passiert und sie werden aktiv. Denn laut Artikel L 213-1 bis 213-9 CESEDA dürfen Menschen nicht ohne triftige Gründe ausgewiesen werden. Das Visum war rechtmäßig und die fehlende Reservierung reicht nicht als Ausweisungsgrund. Als ich von der Situation erfahre rufe ich Nacer an und lasse mir den einen der zwei Polizisten an das Telefon geben, die ihn seit Stunden bewachen. Er ist klar und deutlich: « Er hat nicht genug Geld, er hat keine Reservierung. Wenn alle das so machen würden, gäbe es ja Anarchie. Er darf jetzt keine neue Reservierung machen. Er fliegt jetzt zurück nach Algerien und kann wieder kommen. » Und ich: « Aber Sie wissen ganz genau wie teuer ein Flugticket ist. Das können Sie nicht machen. Auf welches Gesetz basiert ihr Handeln? Das dürfen Sie nicht! Ich möchte jetzt genau den Gesetzestext von Ihnen wissen, der Ihnen das erlaubt. » Aber er redet nicht weiter, sondern gibt das Handy zurück an Nacer. Nacer ist fix und fertig, will keine Probleme und will uns keine Umstände machen. Parallel dazu veröffentliche ich in meinem Facebook Status einen Hilferuf:

„URGENT PARIS: un ami a moi est en train de se faire refouler à Orly, qui peut nous aider? URGENT le vol de retour est prévu pour 19h Orly-Oran, Algérie. SOS“ Und das ist der Moment in dem ich verstehe, was es heißt wenn Solidarität praktisch wird. Ein Mann schreibt mich an, sagt er wartet grad in Oran auf die Maschine die Nacer dann anschließend nehmen muß. Fragt was er tun kann. Sagt, seine Frau sei französische Rechtsanwältin und macht sich sofort auf den Weg zum Flughafen. Wir tauschen Nacers und ihre Kontaktdaten aus. Weitere Leute melden sich bei mir. Meine Mutter schnappt sich meine achtmonatige Tochter, lenkt sie ab. Mein Mann und ich versuchen alles um Nacer diese Demütigung zu ersparen. Aber zu spät. Die Polizisten drängen ihn ins Flugzeug. Als die Anwältin, nennen wir sie Mariam, Nacer im Flugzeug anruft und mit dem Stuart sprechen will, verweigert dieser jegliche Kommunikation.

Und wir ? Wir hatten einfach nicht genug Zeit uns zu solidarisieren, organisieren, intervenieren. Und weil es nicht nur um unseren Nacer geht und er weder der Erste noch der Letzte ist, der Opfer solch eines rassistischen Umgangs wird, deshalb schreib ich hier.

Ich teile diese Erfahrung und möchte alle Infos, die ich in den letzten 48 Stunden gesammelt hab mit euch teilen. Denn ein System, das auf Imperialismus und Rassenideologie gebaut ist, bringt rassistische Situation mit sich. Rassistische Beamt_innen. Schafft Unterdrückende und Unterdrückte. Kurz gesagt : Macht +Vorurteil = Rassismus

Ein französischer Grenzpolizist (Machtposition) der sagt : « Ihr Algerier…. » oder « Wenn du Marokkaner wärst… » (Vorurteil) = rassistische  Situation.

Wenn Nacer Francois heißen würde, weiß wäre oder einfach einen EU Reisepaß hätte, wäre ihm das nie passiert.

Er hätte diese unangenehme Situation vielleicht vermeiden können. ABER : Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte es jemensch anderen getroffen. Denn in einem rassistisch strukturierten System kann der Rassismus nicht bekämpft werden, in dem du der unterdrückten Person erklärst, wie sie eine « gute » unterdrückte Person sein kann. So eine Situation geschieht nicht wegen Nacer oder Mohamed, sondern wegen Grenzpolizist_innen ohne Skrupel, Empathie und einer Überdosis Rassismus. Nacers Fall ist kein Einzelfall, sondern Alltag von uns Schwestern und Brüdern der ehemaligen « Ex »-Kolonien der imperialistischen Länder.

Und damit unsere Wut produktiv wird und unsere Solidarität praktisch, wünsch´ ich mir, dass ihr diese Infos teilt, erweitert und lebt !

Was zu tun ist (wenn ihr keinen EU Paß habt und mit Visum reist):

Bevor ihr ins Flugzeug Richtung Schengenraum steigt :

  • Geht sicher, dass eure Reservierung bestätigt ist.
  • Informiert im Zielland mindestens eine Person über genaue Flugdaten etc. Notiert euch alle wichtigen Nummern auf ein Blatt, nicht nur im Handy.
  • Schaut vorher im Internet, ob es vor Ort einen Verein o.ä. gibt, der euch Rechtsbeistand geben kann.

Am Flughafen / Grenzkontrolle

  • Bleibt ruhig und sachlich.
  • Fordert alle Infos, die 1 euch sagt in schriftlicher Form.
  • Verlangt eine_n Zeug_in während der ganzen Befragung o.ä.
  • Unterschreibt nichts.
  • Sagt deutlich und wiederholt, dass ihr mit der Rückführung nicht einverstanden seid.
  • Wenn ihr Internetzugang habt, nutzt die social networks, teilt mit was passiert, wo ihr seid, was ihr braucht und wie ihr erreichbar seid oder wer für euch kontaktiert werden soll
  • Versucht andere Fluggäste für euch zu gewinnen. Bittet um Hilfe!
  • Habt keine Angst! Es ist nicht eure Schuld!

Ihr könnt ggf. Anzeige erstatten, müßt ihr aber nicht. In einem Unterdrückungssystem gegen die Unterdrücker_innn anzugehen ist schmerzhaft und schwer. Vielleicht hilft es euch im Kopf zu haben, dass es vor euch und nach euch Schwestern und Brüder gab und geben wird, denen ähnliches passiert und wir haben den solidarischen Wunsch, dass das JETZT AUFHÖREN MUSS

No border no nation no deportation

Nachtrag: In Algerien ist es quasi unmöglich selbst ein Hotelreservierung für Europa durchzuführen. Dass leichteste ist, dies durch eine Reiseagentur machen zu lassen, die die Reservierung später nach eurer Ankunft annulliert.

Warum reservieren und dann stornieren? Ganz einfach: die meisten von uns haben Family & Friends in ganz Europa nur können diese nicht immer die Verpflichtungserklärungen machen und ein Visum gibts eher mit Hotelreservierung  – für Frankreich in diesem Fall. (ACHTUNG von Land zu Land verschieden) Einmal in Frankreich gelandet, wird die Reservierung storniert und alles ist gut. Kreditkarten sind für Algerier_innn so gut wie unmöglich zu haben. Außerdem sind sie für Onlinebuchungen ungültig.

Ein weiterer un_funfact : Für touristische Zwecke dürfen Algerier_innen jährlich offiziell nur 140€ tauschen. Diese Summe reicht natürlich weder reell für den Aufenthalt noch für den Visumsantrag aus. Also werden € für unheimlich viele Dinar auf dem illegalisierten Geldmarkt erworben und das Devisenkonto damit aufgefüllt.

 

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