Tweet, tweet, tweet, wir haben uns alle lieb

Das, wofür wir uns in einer Gesellschaft bedanken müssen, das was als ein Zeichen von Toleranz angesehen wird, zeigt uns unter anderem aber auch, was nicht gesellschaftlicher >Normalzustand< ist.Ich möchte keine Toleranz, ich möchte grenzenlose Solidarität.

Im Folgenden möchte ich erklären, weshalb ich den Umgang mit dem Hashtag #IllRideWithYou problematisch finde. Einige Freund*innen werden jetzt lachen und denken : Mensch Emine! Erfreu dich doch mal an so einem schönen Zeichen.” Hab ich, wirklich. Einen ganzen Tag lang. Und es tat gut. Es tat wirklich gut. Aber ich bin weder Aktivistin, noch Bloggerin, um mich gut zu fühlen. Leider wird in unserer Gesellschaft >>kritisch-sein<< mit Pessimismus gleichgesetzt. Wenn jedoch der Realismus bestimmter Menschen wie Pessismismus auf dich wirkt, solltest du vielleicht mal überlegen, wie sehr eure Realitäten auseinander gehen.

Die Macht des Hashtags oder viel Rubel um ein bisschen Gezwitscher?

Wenn rassifizierte Menschen von ihren Alltagserfahrungen berichten, dürfen sie ja nicht zu “pessimistisch” klingen. Sie müssen bitte schon klar stellen, das ja nicht alle Menschen in Deutschland so sind. Sonst werden sie nicht ernst genommen. Und das, obwohl sie in ihrer Wortwahl niemals unterstellt haben, das alle weißen Menschen in Deutschland so und nicht anders denken und handeln.

Wenn nun aber, eine weiße Person in Australien mit einem Hashtag zur Solidarität mit muslimischen Menschen in Australien aufruft, weil der Geiselnehmer in Australien einen ´muslimischen´ Background hat, und viele Australier*innen ihr das gleich tun, dann hatte Australien auf einmal noch nie ein Problem mit Rassismus. Auf einmal sind die Australier*innen so unglaublich tolerant, und ein Vorbild für alle anderen Menschen. Ahm…I don´t think so!

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Ich kann mich auch nicht erinnern, dass im Falle von Tuğçe die utopische Heroisierung im Raum stand, dass Deutschland das Land der Zivilcourage sei.

Ein Hashtag kann zu einem wichtigen Zeichen von Solidarität werden, und – dass ist vielleicht das Wichtigste-, eine Gegenöffentlichkeit zu dem rassistischen Shitstorm erzeugen, der in diesem Kontext sehr voraussehbar ist. Aber mit ´gut Gemeintem´ kann mensch in der Praxis auch mal verkacken.  Hier sind sowohl Fehler auf Seiten der Initiierenden als auch Rezipierenden möglich.

 

Hold on muslims, I´m gonna save you!

Zum einen verursacht die Darstellung der Ausgangssituation Bauchschmerzen bei mir. Und ich vertraue auf mein Bauchgefühl, muss nur manchmal etwas tiefer graben um zu verstehen, woher das kommt.

In der Darstellung haben wir eine ohnmächtige Muslima, die ihr Hijab ablegt, weil sie Angst vor rassistischen Übergriffen hat. Und eine Nichtmuslima, die ihr zur ´Rettung´ eilt.   Wir bekommen aber auch keinen wirklichen Einblick in die Vorgeschichte. Warum war sich die junge Frau so sicher, das die Muslima ihr Tuch aus diesem Grund abgenommen hat? Hätte die Frau nicht auch einfach grade aus der Moschee kommen können, wo sie ein Kopftuch trägt und im Alltag eher nicht? Hätte es nicht auch hundert andere Gründe für diese Handlung geben können, als die Rolle der passiven, hilfsbedürftigen Muslima, in die sie gesteckt wurde? Tatsächlich berichtet Rachel Jacobs in einem Artikel über die kritischen Punkte, die sie bereits reflektiert zu haben scheint:

“Like most people she had been looking at her phone, then slowly started to unpin her scarf.

Tears sprang to my eyes and I was struck by feelings of anger, sadness and bitterness. It was in this mindset that I punched the first status update into my phone, hoping my friends would take a moment to think about the victims of the siege who were not in the cafe.

I spent the rest of the journey staring – rudely – at the back of her uncovered head. I wanted to talk to her, but had no idea what to say. Anything that came to mind seemed tokenistic and patronising. She might not even be Muslim or she could have just been warm! Besides, I was in the “quiet carriage” where even conversation is banned.”

Aktuell können wir nur spekulieren, ob die Frau wegen einer Angst vor rassistischen Angriffen ihr Kopftuch abgenommen hat. Die Annahme Jacobs´ jedoch, dass dies so sei und ihre Aufforderung das Tuch wieder anzulegen gepaart mit dem Angebot die Frau zu begleiten sind in erster Linie voller stereotyper Markierungen und wenig selbstermächtigend. Dass die andere Frau von der Geste gerührt war, ist nichts als eine menschliche Reaktion auf etwas, womit sie nicht gerechnet hat. Auch die daraufhin ausgelöste Hashtag-Aktion #illridewithyou ist zunächst einmal ein Schritt in die anti-rassistischere Richtung, aber Vorsicht: Muslime können in jedem Kontext für sich selbst kämpfen. Ihren Kampf solidarisch zu unterstützen ist richtig und wichtig, aber bitte ohne die eigene Person als white savior in den Mittelpunkt zu drängen, die die handlungsunfähigen Muslime an die Hand nehmen muss.

Eine Twitter-Interaktion hierzu:

A: “Controversial opinion: Im conflicted abt the Ill ride with you campaign. I mean, I know the intention is good & that is beautiful but…holla if u need a white person to make u feel safe’ is the msg I see more prominently”

B: “I see “we made this a dangerous place for you and we’re making that more obvious now, you should be scared without us. At the same time, should be glad that it’s this initiative and not “let’s round up all the muslims now” instead. Could be worse”

C: “we often mistake mainstream validation as the ultimate means for someone elses empowerment, which isn’t necessarily solidarity”

 

Meinen Recherchen zu Folge gab es durchaus muslimische Einwohner*innen, die bei Radiosendern ihre Hemmungen bezüglich der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu Ausdruck gebracht haben. Aber könnten diese Bedenken nicht eher dafür genutzt werden in erster Linie die weiße Mehrheitsgesellschaft zu adressieren? Denn seien wir doch ehrlich, dass diese Frau sich überhaupt in solch einer Situation wiederfindet, das kurz nach der Geiselnahme schon über einen >>islamitischen<< Hintergrund spekuliert wurde und zukünftige rassistische Übergriffe auf muslimische Mitmenschen befürchtet werden, artikuliert zunächst einmal die Problematik, dass der religiös-kulturelle Background des Geiselnehmers überhaupt relevant gemacht wurde.

Warum wurde nicht die Tatsache relevant gemacht, dass er ein Mann mit problematischer Vergangenheit ist? Ein Mann, der wegen 40 Fällen von sexueller Belästigung angezeigt wurde? Allein die Thematisierung seines religiös-kulturellen Kontextes suggeriert eine Verbindung zwischen >>dem Islam<< und >>den Muslimen<<. Eine Vorgehensweise, die nicht das erste Mal und nicht das letzte Mal in Australien zum Vorschein tritt. Diese Markierungen von Muslimen und anderen People of Color in medialer Berichterstattung und Politik ist doch überhaupt der Grund, weshalb Muslime sich zurecht unsicher fühlen, wenn Menschen die ausschließlich über ihren muslimischen Kontext wahrgenommen werden, eine Straftat ausüben.

Des Weiteren sagt Jacobs in dem bereits erwähnten Artikel auch:

“Some claim the movement is patronising, forcing misplaced support upon those who need space, rather than spotlight. They may have a point. But there’s no doubting its good intentions. And perhaps we need it more for ourselves as a reminder that there are reasoned and tolerant people that walk among us, publicly disempowering the trolls.

One of the most common questions I’ve been asked is “Do you have a message for the Muslim community?”

In truth, I don’t. They are a strong community with their own articulate leaders, able to speak for themselves if they choose to do so.

I am, however, the daughter of Indian migrants, and having lived all of my 37 years in Australia, I feel I’ve seen the best and the worst this country has to offer. I’d rather deliver a message to racists, bigots and anyone who dares to derive a message of hate from this tragedy – it is you who are unwelcome here. Your values have no place in civilised society, and if you spread intolerance, there’s an avalanche of kindness ready to take you down.”

 

Dieser Punkt fasst eigentlich sehr gut zusammen, warum die Frau in der Bahn, ich und viele andere Muslime von dieser Aktion gerührt waren. Ständig wird uns der Rassismus in unseren Gesellschaft bewusst gemacht. Eine Tatsache die wütend macht, manchmal lähmt, manchmal aber auch motiviert dagegen vorzugehen. Und wenn dann etwas, was eigentlich ein Selbstverständlichkeit darstellt mit der wir eigentlich nicht so oft rechnen, passiert, erfreuen wir uns. Aber sowohl diese Aktionen als auch unsere Freuden sind von kurzer Dauer. Das was wir brauchen sind nämlich nicht gut gemeinte, und oft sehr aufrichtige Solidaritätsbekundungen, sondern systematische Veränderungen.

Deshalb erinnert mich der Hype um diese Aktion ein wenig an den Hype um den weißen Polizisten, der den Schwarzen Jungen in Amerika umarmt. Der Polizist, der sich gleichzeitig solidarisch auf die Seite des Mörders von Michael Brown gestellt und diesen finanziell unterstützt hat, hat mit dieser Umarmung lediglich gezeigt, dass er Schwarze nicht hasst, aber dass er auch nicht bereit ist den strukturellen Rassismus zu bekämpfen. Strukturelle Veränderungen in Milieus mitzubewirken, in denen Schwarze Menschen selten gehört werden. Ich möchte mich nicht mehr für Selbstverständlichkeiten bedanken. Ich möchte mich nicht in meiner Ecke gedrängt mit dem Grad an Solidarität zu frieden geben, der weißen Menschen genügt, um sich gut zu fühlen.

Rassismus beginnt nicht erst mit der rassistischen Beleidigung, sondern bereits mit der Markierung von Menschen. Ich möchte weit über der Einsicht hinaus sein, dass rassistische Beleidigungen scheiße sind. Dass es zwar immer wieder solche Menschen geben wird, ist ein anderes Ding. Aber eine ernsthafte anti-rassistische Solidarität sollte weit darüber hinaus sein.

Es gibt sehr kontroverse Diskussionen zu dem Hashtag und der ganzen Aktion. So schreibt die Twitter-Nutzerin melanincholy etwa, dass sie sich durchaus dessen bewusst ist, dass sich viele Menschen mit dem twittern lediglich ´gut fühlen´ wollen. Das Ablegen des white guilt also:

“Even if the main thing motivating you to be an anti-racist bystander is to affirm your sense of yourself as a good person.I’d rather someone support me when/if I face racism because it makes them feel good about themselves than not at all. Not looking for altruists here people, just a friendly face in a sea of racists. Cos they everywhere. “

Ich kann den Punkt sehr gut nachvollziehen, muss aber auch anmerken, dass wir eben immer wieder in solche rassistischen Situation kommen werden, wenn wir nicht nachhaltige, strukturelle Veränderungen fokussieren. Dann haben einige Nichtmuslime und Muslime für eine kurze Dauer ein gutes Gefühl, aber den Kindern dieser Muslime ist deshalb keine bessere und gleichgestelltere Zukunft sicher. Und wenn wir dorthin nur über den Weg kommen, dass weiße Menschen sich eben nicht immer gut fühlen, dass sie vielleicht sehr oft aufgefühlt sind und sehr hart an ihrer Gesellschaft arbeiten, would you still ride with me? Ist das zu viel verlangt in Anbetracht der Lebensrealitäten rassifizierter Menschen?

Meine Sicherheit sollte nicht von der ´Toleranz´ weißer Menschen abhängig sein. Meine Sicherheit, sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

 

*Nachtrag: Es geht mir mit dieser Kritik nicht darum, dass ich mir wünsche, dass sich weiße Menschen scheiße fühlen (es wird Leute geben, die mir das in den Mund legen. Kenne ich alles schon.) Es geht mir vielmehr darum deutlich zu machen, dass auch ein “Nicht alle Muslime sind Terroristen” einen Diskurs aufgreift, in dem Menschen als Muslime markiert werden, wenn sie Scheiße bauen, während das bei nicht-Muslimen oder weißen Menschen nicht passiert. Eine Verneinung verbessert die Markierung nicht und diese Diskurse gilt es zu de-konstruieren.

 

White Savior Cat

 

 

 

 

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3 thoughts on “Tweet, tweet, tweet, wir haben uns alle lieb

  1. Warum machst du den Unterschied zwischen “weißen” Menschen und Muslimen? Der Islam ist eine Religion und keine nicht weiße Volksgruppe! Diese Teilung und Gegenüberstellung passt meiner Meinung nach nicht. Was sollen Menschen denken, die “weiß” und Muslime sind?

    Zum Rest: das Problem kann ich schon verstehen. Es ist eins, dass immer Fan auftritt, wenn es Menschen gibt, die meinen, sie seien so toll und hilfsbereit und bla. Meist geht es dabei gar nicht um den “Geretteten”, sondern um das eigener Ego und Gewissen.

    1. Hallo Miria,

      danke für die Frage. Ich versuche darauf zu antworten. Weiß und PoC sind hier keine Begrifflichkeiten, die sich nur auf Hautfarbe oder Zugehörigkeit zu einem Land verstehen. Sie sind viel mehr soziostrukturelle Konstrukte, die die Rassifizierung oder eben nicht-Rassifizierung von Menschen in einer Mehrheitsgesellschaft beschreiben. Sie sind gesellschaftliche Positionen.

      Eine weiße Deutsche, die zum Islam konvertiert und ein Kopftuch trägt wird natürlich auf der Straße genauso doof angemacht wie beispielsweise eine palästinensische Muslima mit Kopftuch. Aber es gibt auch noch Lebensrealitäten, und Privilegien vor dem Konvertieren der weißen Deutschen. Die ganze Sozialisation macht aus dem Menschen was er ist, welche Lebensrealitäten er hatte, welche Türen der Person geöffnet oder verschlossen wurden aufgrund der Rassifizierung.

      Deswegen wird nochmal unterschieden in weiße Muslime und Muslim of Color. Diese Unterscheidung habe ich am Rande erwähnt nicht ausgedacht, aber finde sie nachvollziehbar. Wie gesagt, der Mensch und auch seine aktuellen Lebensumstände entstehen aus keinem Vakuum und deshalb sind ganze Biographien mitzudenken. Diese Differenzierung ist also dazu da, diese besonderen Lebensumstände von Muslim of Color nicht zu banalisieren und unter den Tisch zu kehren. Es geht hier keineswegs darum, den Islam oder das Muslimsein einer Ethnie zuzuschreiben und einer anderen abzuschreiben.

      Ich hoffe ich konnte deine Frage beantworten.
      LG 🙂

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