Die Kopftuchfrage.

Jede Kopftuchträgerin kennt sie, die Kopftuchfrage. Oft fängt sie mit folgender Einleitung an: “Diese Frage hast du vielleicht schon oft gehört, aber (…)”, “Darf ich mal eine ganz blöde Frage stellen?”, “Ich hoffe das ist jetzt nicht zu persönlich aber (…)”.Viele hassen sie. Andere finden sie toll und meinen, dass würde Interesse bekunden. Zu den letzteren zähle ich nicht. Ich gehöre zu jenen, die einfach keine Lust mehr auf diese Frage haben und das bekundete Interesse auch nicht abkaufen.

Ich habe sowieso nie verstanden, warum Menschen die ihre Sätze so beginnen, diese auch noch zu Ende bringen. Liebe Leute, euer erster Instinkt täuscht euch meistens nicht. Wenn ihr das Gefühl habt, dass die Frage zu persönlich sein könnte, doof ankommen könnte, oder schon oft gehört wurde, dann insistiert doch nicht darauf, eure Neugierde zu befriedigen, sondern respektiert euer Gegenüber.

Die Empörung über Selbstbestimmung

Auf dieses Anliegen hatte ich mit meiner Teilnahme an dem #AuchIchBinDeutschland – Projekt versucht aufmerksam zu machen. Den Kommentaren nach zu urteilen, konnten einige mein Problem mit dieser Frage sehr gut nachvollziehen. Wieder andere – oft weiße Menschen, die kein Kopftuch tragen – waren empört über meine Empörung. Komischerweise sind es oft Menschen, die gar nicht selber betroffen sind, die sich am meisten über Schwarze/PoC Widerstände empören. Was? Wie jetzt die Frau mit Kopftuch will selbst bestimmen, auf welche Fragen sie eingeht und auf welche nicht? Wie, sie will sich nicht von mir mit einer Frage nach der anderen ausquetschen lassen?

Es ist nahe liegend, dass jene, deren Status quo in Frage gestellt wird den größten Aufschrei machen. Heterosexuelle Männer etwa, wenn Lann Hornscheidt darauf besteht, mit Profx angesprochen zu werden und weiße Menschen, wenn People of Color sich ihrer Fremdbestimmungen entledigen und die Deutungsmacht in ihreren persönlichen Betroffenheiten einfordern.

Zwischen dem 5. und 8. November diesen Jahres fand eine Resistance Konferenz an der Universität in Oldenburg statt, die mitunter von Paul Mecheril organisiert wurde. Meine Reflektion zur Konferenz als solches werde ich an anderer Stelle nochmals aufgreifen. Aber außerhalb der Konferenz wurde ich von einer Nichtmuslima gefragt, warum ich das Kopftuch trage. Meine Freundin und ich hatten keine wirklich anschlussfähige Unterhaltung mit dieser Frau geführt, sondern lediglich nach dem Bus gefragt. Sie beließ es ´nicht mal´ bei der Frage, warum ich das Kopftuch trage, sondern ergänzte noch “ist es wegen einem Mann, den du liebst?”.

Diese und andere Unterstellungen/Vorurteile sind es, die für mich immer bei dieser Frage mitschwingen. Warum wird mein Kopftuch thematisiert, ihr Rock nicht? Warum wird mein Kopftuch immer noch als Fremdkörper wahrgenommen und warum wird mir diese Veranderung (Othering) jedesmal wieder unter die Nase gerieben? Da unterscheidet sich für mich die Markierung meines Kopftuches nicht sonderlich von dem ausquetschen nach meiner “wirklichen Herkunft”.

Ich habe dieser Frau mit einer Gegenfrage geantwortet. Und zwar, warum sie sich so schick gemacht habe, ob sie das für einen Mann mache, den sie beeindrucken will. Nach diesem happening schrieb ich noch auf der Konferenz meine Gedanken zu der Situation nieder, die ich hier veröffentlichen will:

Von früh an wird uns anerzogen, dass wir neugierigen Fragen der weißen Mehrheitsgesellschaft höflich und dankend begegnen sollen. Dass wir auch fremden, die wir vielleicht einfach nur nach der Uhrzeit fragen, aus dem Stegreif unsere innersten Gefühle und Intentionen mitzuteilen haben. Denn genau das passiert mit der Frage nach meinem Kopftuch. Wie eine Schülerin, die etwas ausgefressen hat und nun der Schulleitung Rede und Antwort stehen muss fühle ich mich jedesmal, wenn eine fremde Person mir die Kopftuchfrage stellt.

Das was ich dabei fühle (reale Erfahrung, Alltagswissen), entspricht aber nicht dem ´Wissen´, der Interpretation, die mir hierzu immer wieder herangetragen wurde. “Das ist doch Interesse! Da soll man doch froh drüber sein. Über das Interesse an fremden Kulturen”.

Dass es von >fremd< zur >Fremdenfeindlichkeit<*  nicht mehr weit ist, interessiert jedoch niemanden.

Tatsächlich frage ich mich, wer diese Interpretation artikulierte? Waren dies wir als Betroffene? Als Hijabis? Oder kommt diese Interpretation jener Interaktionssituation nicht von der Seite, die diese Interaktion erst eröffnete, diese Interaktion also erst als solche rahmte, in der wir zu Ausgefragten und Begutachteten wurden? Und nötigt diese Seite, uns mit ihrer Objektivizierung  und Veranderung nicht dazu, die passive Seite in dieser Interaktionskonstellation einzunehmen?

So ist die Fragende aus ihrer Perspektive also zweierlei: Freundlich interessiert und selbstkritisch. So, dass sie binnen Sekunden ihre eigene innere Intention analysiert und ´microaggressions´ und unterbewusste kolonial/rassistische Denkstrukturen abwägt. Der Ausgefragten bleibt somit nur noch die Rolle der sich Fügenden, oder der aggressiven, übersensiblen Orientalin.

#NeugierIstKeineEntschuldigungUmDeineVorurteileAlsFragenZuVerpacken #ZuLangeHashtagsSindKake

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*Ein Begriff, den ich ablehne, da Menschen nicht einfach >fremd< sind, sondern fremd gemacht werden. Mit diesem Begriff wird Rassismus banalisiert und die Konzentration von dem Problem des Rassismus auf die >Fremdheit< der Veranderten verlagert.

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