Entschuldigen Sie die Störung!

 

Folgender Artikel von mir wurde erstmals auf der Homepage der Zwischenzeit veröffentlicht. Da er mir ziemlich wichtig ist, wollte ich ihn hier nochmal rebloggen:

Einer der sinnlosesten Aussagen, wenn ich mich mal wieder mit jemensch nicht zum Thema Rassismuseinigen kann, ist: „Rassismus wird nur gefördert, wenn man ständig darüber redet!“ Richtig? Falsch. Tatsächlich höre ich diesen Spruch ausschließlich von Menschen, die nicht von Rassismen betroffen sind oder jenen, die den Rassismus so sehr internalisiert haben, dass sie es als Kompliment empfinden, wenn mensch ihnen sagt, dass sie ja echt moderne Muslim_innen seien.

Liebe weiße Menschen*, für euch existiert Rassismus nur, wenn darüber geredet wird. Für euch wird er nur zum Thema, weil er auf ein Problem aufmerksam macht – und zwar auf das Problem, dass weiße Privilegien in die Wiege gelegt bekommen, ohne jemals irgendetwas dafür gemacht zu haben. Diese strukturellen Machtverhältnisse funktionieren wie eine Waage. Eure Privilegien bedeuten unsereDiskriminierung.

Alltagsrassismus

Für uns existiert Rassismus immer und überall. Er existiert, wenn ich beim Bewerbungsgespräch ausgefragt werde, was ich denn von Toleranz und Gleichberechtigung aller Menschen halte. Als sei ich irgendeine Art Sonderfall von Mensch, bei der – im Gegensatz zu allen Nichtmuslim_innen – eine Gesinnungsprüfung notwendig ist.

Der Rassismus existiert dort, wo vor meinen Augen eine Verkäuferin von einem Kunden angeschrien wird, dass sie in ihr Land gehen und dort arbeiten solle. Dort wo ich meinen Mund aufmache und diesem Mann Einhalt gewähre, und alle anderen Kund_innen sich demonstrativ wegdrehen.

Er existiert auch dort, wo er als Kompliment daherkommen will. „Dein Deutsch ist aber echt gut.“, „Du bist nicht wie die anderen Muslime. Du bist voll cool. So wie wir halt.“ Liebe deutsche Mehrheitsgesellschaft! Ich weiß, das kommt jetzt echt unerwartet für euch, aber: Es ist kein Kompliment für mich, so wie ihr zu sein.

Ich weiß, die Politiker_innen haben jahrelang mit endlosen Integrations- und Kopftuchdebatten eure kollektive Identität herausgekitzelt. Aber von irgendjemensch zu verlangen, sich an eine vermeintlich homogene Gesellschaft anzupassen? Dieses ständige Fremdmachen. Diese Fremdzuschreibungen und Stereotypen. Wirkt das wirklich schon so normal auf euch?

Rassismus in Mainz

Rassismus existiert auch dort, wo das rassistische Firmenlogo des Dachdeckerunternehmens Ernst Neger mit Aussagen wie „Das Logo ist nicht rassistisch und das ist ein Fakt“ verteidigt wird. Dort wo keine Selbstkritik geübt, sondern immer Selbstverteidigung praktiziert wird. Oder wo auf eine Pressemitteilung zu diesem Thema sich rassistische Kommentare zu meiner Person anhäufen, weil mein Name den Rassist_innen nicht „deutsch“ genug ist. Dort, wo öffentlich rechtliche Medien kläglich versagen, indem sie Rassismus-Debatten völlig unreflektiert und lächerlich aufgreifen.

Und vor allem dort, wo ein ganz offensichtlich rassistischer Mordversuch wie eine einfache Schlägerei abgehandelt wird und keine weitere Beachtung in den Mainstream-Medien findet. Denn die sind eher damit beschäftigt, durch ihren unreflektierten Sprachgebrauch Rassismen zu reproduzieren.

Wer eine_n Schwarze_n mit dem N-Wort bezeichnet, darf auch als rassistisch bezeichnet werden. So einfach ist das, liebe Leute. Und wenn ein Rassist einen Schwarzen, den er vorher noch rassistisch beleidigt hat, mit einem Messer tödlich verletzt, dann ist das ein rassistischer Angriff. So schwierig ist dieser Zusammenhang eigentlich nicht zu verstehen, aber dennoch hören wir davon nicht in den öffentlichen Stellungnahmen von Polizei oder Medien.

Stattdessen schickt die Polizei eine Pressemitteilung mit einem Aufruf an Zeug_innen der „Messerstecherei“, in der von einem Mainzer „angolischer Abstammung“ die Rede ist. Wenn mit dieser Erwähnung kein rassistisches Motiv des Täters gemeint ist, wieso wird die angolische Abstammung dann zur Sprache gebracht?

 

Rassismus beim Namen nennen

Warum haben Menschen Schwierigkeiten damit, den Rassismus beim Namen zu nennen? Und warum wird er – wenn überhaupt – mit Begriffen wie „Fremdenfeindlichkeit“ umschrieben, womit wieder eine rassistische Fremdzuschreibung praktiziert wird? Menschen, die in Deutschland geboren sind, und/oder die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, werden dann als „Fremde“ bezeichnet. Wieder definieren weiße, wer deutsch ist und wer nicht.

Dort, wo in anderen Ländern der Rassismus beim Namen genannt wird, bedient sich die deutsche Sprache vermeintlichen Verharmlosungen, die ebenfalls Rassismen in sich tragen. Rassismus ist ein strukturelles Problem. Eines, das nicht einfach mit der Abschaffung der Sklaverei oder dem Ende des NS-Regimes aus Deutschland verschwunden ist.

Diese Zeiten haben Spuren hinterlassen. In Institutionen, in Medien, in Ämtern und in Köpfen. Ein Problem, das selten erkannt und oft totgeschwiegen wird. Rassismen drücken sich in den unterschiedlichsten Formen gesellschaftlichen Miteinanders aus – gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir anfangen, jedes vermeintlich noch so harmlose rassistische Erbe zu dekonstruieren.

Von der Angst über den Rassismus zu reden

Komischerweise herrscht in Deutschland eine regelrechte Rassismus-Angst. Nein, ich rede nicht von „Gutmenschen“, die Angst vor praktiziertem Rassismus haben, sondern von Deutschen, die Angst haben, über Rassismus zu reden. Dass der Rassismus-Begriff in Deutschland zu eng gefasst ist, wird ersichtlich, wenn mensch sich Debatten und Artikel in anderen Ländern ansieht. Die fehlende Sensibilisierung für Rassismus ist mir persönlich aus endlosen Diskussionen bereits bekannt.

Daher kamen auch die jüngsten Aussagen der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz überhaupt nicht überraschend. Traurig ist aber, dass die deutschen Medien im Zusammenhang mit dem Deutschlandbericht der Europäischen Kommissionen sprachliche Rassismen reproduzieren. Da wird das englische Wort race mit Rasse übersetzt; statt Rassismus lesen wir hingegen wiederholt „Fremden- oder Ausländerfeindlichkeit“.

Politische Inkorrektheit scheint heutzutage angesagt zu sein. Wir machen uns lustig über Anti-Rassist_innen, wir machen uns lustig über Gutmenschen, wir machen uns lustig über Veganer_innen. Überhaupt machen wir uns über alles lustig, was uns irgendwie in unserer Bequemlichkeit stören und zum Nachdenken anregen könnte. Sexismus ist eine Fairytale und Rassismus ihr großer Bruder. Es gibt doch tatsächlich Menschen, die wie Besessene gegen Politische Korrektheit ankämpfen und damit irgendwelche Rechte verteidigen wollen. Sich nicht den Mund verbieten lassen wollen.

The New Racism is Denying Racism

Ich finde den Satz „The New Racism is Denying Racism“ treffend. Denn der heutige Rassismus versteckt sich hinter einem Kampf für Meinungsfreiheit, im Deckmantel der Demokratie und beansprucht für sich gegen den „linken Gesinnungsterror“ vorzugehen. Wenn Menschen die Demokratie stärker durch anti-rassistische Aktionen gefährdet sehen als durch Rassismus, dann mache ich mir ernsthafte Sorgen.

Und ich weigere mich zu glauben, dass es Menschen gibt, die bei näherer Auseinandersetzung nicht einsehen könnten, dass bestimmte Begriffe rassistisch sind und dass für ein würdevolles Miteinander ihr Wunsch, irgendein rassistisches Wort zu benutzen, überhaupt keine Relevanz hat. Es geht hier um die Würde von Schwarzen. Rassismus ist keine Meinung. Ich glaube mittlerweile, dass es Menschen gibt, die ihre Rassismen und Privilegien zu lieb gewonnen haben. Selbst die besten Argumente scheinen gegen sie wirkungslos.

Manch ein_r sieht das eigene Weltbild in Gefahr samt der so kostbaren Annahme, selbst von Rassismus frei zu sein. Alle Argumente und Erfahrungen von People of Color prallen an diesen weißen Ängsten der bedrohten Privilegien ab. Und schon wieder sind es die weißen Bedürfnisse, die den Diskurs bestimmen. Schwarze Perspektiven werden nicht gehört, nicht berücksichtigt und als „übertrieben“ dargestellt. Alles, was die vorherrschenden Machtverhältnisse oder das eigene Selbstbild auch nur im Geringsten gefährden könnte wird abgelehnt. Immerhin ist es auch leichter, die Kritik zu kritisieren.

Sowohl die Leugnung von Rassismus, als auch die unreflektierte Abwehrhaltung sind der eigentliche Grund, warum Rassismus gefördert und ständig reproduziert wird. Menschen, die auf Rassismus aufmerksam machen und ihn abbauen wollen, werden als „Gesinnungsterroristen“, „Linksfaschisten“, oder „Gutmenschen“ beschimpft. Es ist doch wirklich merkwürdig, dass Menschen, die auf Rassismus aufmerksam machen, in irgendwelche Schubladen gesteckt werden und als störender und bedrohlicher empfunden werden als Rassisten.

Wir müssen uns nicht dafür bedanken, im Bus sitzen zu können, wo wir wollen

Der Debatte um Rassismus wird von rassistischen Abwehrreflexen also gar nicht erst Raum geboten. Häufig fallen dann Aussagen wie „Seid doch froh. Die Dinge sind nicht mehr wie früher. Die Probleme von früher gibt es doch heute gar nicht mehr.“ In Momenten, in denen mir solche Aussagen begegnen, schweige ich einige Sekunden und koche innerlich. Ich koche innerlich so richtig, weil ich gar nicht weiß, wo bei solchem Kommentaren anzusetzen ist.

Sollen wir uns jetzt für Sachen bedanken, die auch früher schon hätten selbstverständlich sein müssen? Müssen sich Schwarze jetzt dafür bedanken, dass die weißen es „geschafft“ haben, ihre geisteskranken Rassentheorien aus ihren offensichtlich rassistischen Gesetzgebungen herauszunehmen? Dafür, dass sie nun im Bus sitzen dürfen, wo sie wollen? Wo sind denn die Aussagen der Abwehrhaltungen mit dem Argument „Das war früher, damit haben wir doch nichts zu tun?

Wieso wird dieser Satz bezüglich einer „Schuldfrage“ zum NS-Regime oder der kolonialen Vergangenheit Deutschlands genutzt, aber niemals wenn es um den Abbau von Rassismen geht? Warum können sich weiße in dem Punkt sehr wohl auf dem Erbe der früheren Generationen ausruhen? Aber es gibt durchaus Menschen in Deutschland, deren Ego nicht schwerer wiegt als ihre Abneigung für Rassismus und ihr Respekt für andere Menschen.

Die neuen Gesichter Deutschlands

Deswegen werden wir erst aufhören über Rassismus zu reden, wenn die Mehrheit endlich versteht, dass das, was nicht gesehen wird, surreal wirkt. Und dass diejenigen, die Rassismus erfahren, gehört und ernst genommen werden müssen. Oft fühlen sich weiße gestört oder angegriffen, wenn mensch deutlich macht, dass es eben nicht nur ihre Perspektiven auf die Dinge gibt. Dass wir es nicht einsehen, an weißen Maßstäben gemessen zu werden.

Das wir keine Integrationsfälle sind, die sie ihrem Verständnis nach in „gut Integriert“ und „schlecht Integriert“ kategorisieren und sich somit ein Stückchen Hausrecht einbilden können. Deutschland ist mein zu Hause und ich bin die einzige Person, die entscheidet, ob ich nun Deutsche oder Türkin bin. Und wenn ich will, bin ich beides oder gar keins von beiden.

Malcolm X, einer meiner persönlichen Helden der Schwarzen Widerstandsbewegungen, sprach davon, dass Freiheit und Gleichheit nichts ist, was einem_r einfach gegeben wird. Dass mensch sich Freiheit und Gleichheit selbst nehmen müsse. Diese Aussage traf auf damals genauso zu, wie auf heute. Daher verwundert es kaum, dass die nächsten Schritte in eine bessere Gesellschaft von der privilegierten Mehrheit kaum mit offenen Armen empfangen werden.

Und deshalb antworte ich auf die Frage, ob ich nichts Besseres zu tun habe, als mich mit Rassismus zu befassen mit einem ganz klaren Nein! Nein, weil Rassismus etwas ist, das schon immer Bestandteil meiner Lebenswelt war. Nein, weil ich Rassismus noch immer erfahre und erkenne und weil ich rückblickend Fortschritte in der deutschen Gesellschaft erkennen kann.

Gerade deshalb habe ich nichts Besseres zu tun, als mich mit Rassismus zu befassen und in diesem Sinne ist es mir ein Vergnügen, Menschen in ihrem rassistisch sozialisierten Denken zu stören. Und wer sich noch nicht gestört fühlt, darf sich gerne Artikel von Der braune Mob e.V. zur diskriminierungsfreien Sprache durchlesen.

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